Ich beschäftige mich seit einigen Jahren mit dem Thema „zurück ins Vertrauen“, und in letzter Zeit begegnet es mir immer häufiger. Vielleicht auch deshalb, weil alles, was ich denke und schreibe, immer viel mit mir selbst zu tun hat, mit meinen Erfahrungen, meinen Entscheidungen und mit den Fragen, die daraus entstanden sind.
Eine dieser Fragen beschäftigt mich besonders: Wie gewinnt man das Vertrauen in sich selbst zurück, nachdem man Entscheidungen getroffen hat, die sich negativ auf das eigene Leben und vielleicht auch auf das Leben anderer Menschen ausgewirkt haben?
Besonders schwer wiegt das, wenn diese Entscheidungen einmal aus dem aufrichtigen Wunsch entstanden sind, etwas Gutes und Nutzbringendes hervorzubringen. Man wollte aufbauen, entwickeln, Chancen schaffen, Verantwortung übernehmen und etwas entstehen lassen, das auch anderen Menschen dient. Man hat geglaubt, gehofft, investiert und Entscheidungen getroffen, von denen man überzeugt war, dass sie in eine gute Richtung führen.
Und dann erlebt man, wie etwas, an das man geglaubt hat, plötzlich wie ein Kartenhaus zusammenbricht.
Damit zerbricht manchmal auch ein Stück des Vertrauens in die eigene Wahrnehmung und die eigene Entscheidungsfähigkeit. Im Rückblick sieht man Dinge, die man damals anders eingeordnet hat. Man erinnert sich vielleicht an einen Moment, an ein Gefühl oder an eine kleine Irritation und fragt sich, warum man diesem Empfinden damals keine größere Bedeutung gegeben hat.
Ich habe dabei auch verstanden, wie schnell wir Vertrauen voraussetzen, weil wir davon ausgehen, dass andere Menschen ähnlich empfinden und handeln wie wir selbst. Wir übertragen unsere eigene Vorstellung von Verbindlichkeit, Fairness, Verantwortung oder Anstand auf unser Gegenüber und merken manchmal erst viel später, dass wir weniger dem Menschen vertraut haben, der tatsächlich vor uns stand, als unserer Vorstellung von ihm.
Vielleicht liegt genau darin eine der großen Herausforderungen auf dem Weg zurück ins Vertrauen.
Wir besitzen sehr feine Antennen. Manchmal verändert sich nur ein Blick, ein Tonfall oder eine Stimmung, manchmal gibt es für einen Wimpernschlag dieses kaum erklärbare Empfinden, dass etwas nicht ganz zusammenpasst. Unsere Wahrnehmung registriert etwas, lange bevor wir es mit dem Verstand vollständig erfassen können.
Und manchmal wischen wir diesen Moment sehr schnell wieder weg, weil wir gerade keine weitere Unannehmlichkeit gebrauchen können, weil wir möchten, dass etwas gelingt, weil wir einen Menschen mögen oder weil unsere Sehnsucht nach einem bestimmten Ausgang stärker ist als dieses leise innere Signal.
Später erinnern wir uns manchmal genau daran und denken: Stimmt, ich habe es damals schon gespürt.
Deshalb hat Intuition für mich viel mit Wahrhaftigkeit zu tun. Sie verlangt, dass ich immer besser unterscheiden lerne, was aus meiner Sehnsucht entsteht, was aus einer alten Erfahrung oder einer Angst kommt und was ich tatsächlich gerade wahrnehme. Je bewusster ich damit umgehe, desto mehr kann auch das Vertrauen in mich selbst wieder wachsen.
Vielleicht entsteht Selbstvertrauen genau so, Stück für Stück. Durch Erfahrungen, in denen wir unsere Wahrnehmung ernst nehmen, Fragen stellen, unsere Meinung vertreten, widersprechen, Grenzen benennen und erleben, dass wir heute an manchen Stellen anders entscheiden als früher.
Für mich hat das alles sehr viel mit Verantwortung und mit meinen eigenen ethischen Grundsätzen zu tun.
Wenn ich widerspreche, wenn ich etwas hinterfrage oder eine Vereinbarung genau beschrieben haben möchte, empfinde ich das als Teil einer gesunden und menschlichen Basis für ein Miteinander. Gerade dort, wo Menschen miteinander arbeiten oder Geschäfte miteinander machen, sollte jeder wissen können, worauf er sich einlässt und was er vom anderen erwarten darf.
Das gilt für mich in beide Richtungen.
Von einem Geschäftspartner wünsche ich mir, dass er auch dann auf eine Unausgewogenheit hinweist, wenn sie für ihn selbst von Vorteil wäre und mich benachteiligen würde. Genauso sehe ich mich selbst in der Verantwortung, darauf hinzuweisen, wenn eine Vereinbarung zu meinen Gunsten aus dem Gleichgewicht gerät.
Genau darin zeigt sich für mich echtes und faires unternehmerisches Verhalten.
Wertschätzung und Aufrichtigkeit funktionieren in beide Richtungen, beim Nehmen genauso wie beim Geben. Wenn beide Seiten darauf achten, dass keiner übervorteilt und keiner benachteiligt wird, entsteht eine Basis, auf der Vertrauen tatsächlich wachsen kann.
Auch deshalb empfinde ich detaillierte Verträge keineswegs als Gegensatz zu Vertrauen. Wenn Leistungen, Verantwortlichkeiten, Fristen, Erwartungen und mögliche Schwierigkeiten genau beschrieben werden, schaffen wir eine gemeinsame Grundlage, auf die sich beide Seiten verlassen können. Ein Vertrag kann damit Ausdruck gegenseitiger Wertschätzung sein, weil wir uns die Zeit nehmen, ein gemeinsames Verständnis darüber herzustellen, was wir miteinander vereinbaren.
Es gibt das bekannte Sprichwort „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“. Ich würde es für mich inzwischen anders formulieren:
Vertrauen ist gut, wenn es echt und ehrlich ist. Diese Wahrhaftigkeit ist die Kontrolle, die es braucht.
Denn Wahrhaftigkeit zeigt sich darin, ob Worte und Handlungen zusammenpassen, ob Vereinbarungen eingehalten werden und ob Fairness auch dann gilt, wenn der eigene Vorteil lockt.
Vielleicht beginnt genau hier auch eine neue Wirtschaftlichkeit.
Wir treten in eine Zeit ein, in der KI Verträge, Vereinbarungen und wirtschaftliche Zusammenhänge in einer Geschwindigkeit analysieren kann, die für einzelne Menschen bisher kaum möglich war. Unausgewogene Klauseln, versteckte Nachteile oder Bedingungen, deren Auswirkungen man früher vielleicht erst viel später erkannt hätte, werden zunehmend leichter sichtbar.
Das empfinde ich als große Chance.
Vielleicht zwingt uns ausgerechnet die Technik dazu, wieder menschlicher miteinander umzugehen.
Wenn Haken leichter erkannt werden, wenn Informationen schneller zugänglich sind und wenn beide Seiten besser verstehen können, worauf sie sich einlassen, wird Aufrichtigkeit zu einem immer größeren Wert. Dann entsteht wirtschaftlicher Erfolg vielleicht immer weniger daraus, wer eine Lücke geschickter nutzt, sondern daraus, wer faire, verlässliche und langfristige Beziehungen aufbauen kann.
Dieser Gedanke verbindet sich für mich wieder mit dem Vertrauen.
Auch mit dem Vertrauen in Gott.
Vielleicht liegt im Gottvertrauen ebenfalls die Vorstellung, dass uns vieles mitgegeben wurde, was wir für unseren Weg brauchen: Wahrnehmung, Verstand, Gefühle, Intuition, Talente, Entscheidungsfähigkeit und Freiheit. Und vielleicht besteht unsere Verantwortung darin, diese Fähigkeiten zu nutzen, Erfahrungen anzunehmen, aus Fehlern zu lernen und uns selbst irgendwann auch wieder zu verzeihen.
Heute weiß ich manches, was ich damals noch nicht wusste. Diese Erkenntnis verändert die Vergangenheit nicht, aber sie verändert die Entscheidungen, die ich heute treffen kann.
Mein Selbstvertrauen wächst deshalb immer weniger aus dem Anspruch, jederzeit richtig entscheiden zu müssen. Es wächst aus dem Wissen, dass ich hinschauen, lernen, Verantwortung übernehmen, korrigieren und neu wählen kann.
Vielleicht ist genau das für mich „zurück ins Vertrauen“.
Es beginnt mit der Wahrhaftigkeit gegenüber uns selbst, wächst über die Wahrhaftigkeit im Umgang mit anderen Menschen und findet sich schließlich auch in unseren Beziehungen, in Unternehmen und in unserem Blick auf das Leben wieder.
Vertrauen ist für mich deshalb ein Beziehungsfaktor, ein Wirtschaftsfaktor und auch ein Gesundheitsfaktor, denn es verändert etwas in uns, wenn wir unserer eigenen Wahrnehmung wieder vertrauen können und zugleich erfahren, dass wir auch anderen Menschen auf einer gesunden und menschlichen Basis begegnen können.
Und vielleicht hilft uns ausgerechnet die KI dabei, diese Basis neu zu gestalten, weil sie Transparenz schafft und uns damit stärker auf das zurückführt, was keine Technik für uns übernehmen kann: Aufrichtigkeit, Fairness, Verantwortung, Wertschätzung und Menschlichkeit.
Dass die KI uns auf diese Weise sogar dabei helfen kann, menschlicher zu handeln, ist meine vertrauensvolle Zuversicht für die Zukunft.
© Manuela Engel-Dahan
Waldphilosophin und Krisenwandlerin
Impulsgeberin für Mensch und Wirtschaft
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Die Sprache entschleunigt – im langsamen Begreifen gelangen die Dinge zur Klarheit. Manchmal erinnert die Diktion an die oft unterschätzten Gedichte Friedrich Nietzsches bewusstes Staunen statt Hast. Die Texte entschleunigen und führen vom persönlichen Erleben zu allgemein gültigen Einsichten.