31. Oktober 2026

Krawall. Machst du da mit?

Über Stolz, Wehrhaftigkeit und den Mut, sich selbst treu zu bleiben.

KRAWALL. Machst du da mit?

Ich verstehe es nicht.



Heute ist der 31. Oktober 2026. Es ist 13 Uhr.

In einer Stunde sollen in zahlreichen deutschen Städten Menschen auf die Straße gehen. Demonstrieren. Ihre Stimme erheben. Ihren Unmut zeigen.

Vieles ist bereits verschanzt, weil Zerstörung, Vandalismus und Plünderungen befürchtet werden. Die einen rufen zu friedlichem Protest auf. Die anderen verbarrikadieren vorsorglich ihre Schaufenster. Was sagt das eigentlich über unser gegenseitiges Vertrauen aus?

Und ich sitze hier und denke über zwei Worte nach.

Stolz und Wehrhaftigkeit.

Was bedeutet es eigentlich, wehrhaft zu sein? Ist es der Mut, auf die Straße zu gehen? Laut zu werden? Sich einer großen Menge anzuschließen? Gemeinsam etwas zu fordern?

Ja, auch das kann Wehrhaftigkeit sein. Aber ist es nicht mindestens genauso wehrhaft, einer Menge zu widersprechen, wenn das eigene Gefühl sagt, dass etwas nicht richtig ist? Zu sagen: Ich verstehe euren Ärger. Ich sehe eure Sorgen. Aber diesen Weg möchte ich nicht mitgehen.

Und was ist mit unserem Stolz? Mit unserer Würde, unseren Überzeugungen und der Bereitschaft, für unsere Entscheidungen selbst einzustehen?

Ich glaube, wir brauchen heute mehr denn je wehrhafte Menschen. Menschen, die sich informieren, Fragen stellen, Zusammenhänge hinterfragen und eigenständig nach Lösungen suchen. Die Verantwortung übernehmen. Für sich selbst, ihr Handeln und dessen Folgen. Menschen, die sich nicht zurückziehen, sobald es schwierig wird. Die aber auch nicht einfach mitlaufen, nur weil andere bereits losgelaufen sind.

Mich beschäftigt noch etwas anderes. Was geschieht, wenn wir eine notwendige Auseinandersetzung bewusst vermeiden, obwohl wir erkennen, dass etwas aus dem Ruder laufen könnte? Wenn wir abwarten, obwohl wir handeln könnten? Vielleicht sogar Schäden oder Verluste in Kauf nehmen, nur um hinterher sagen zu können:

Hab ich doch gewusst!

Ist das Wehrhaftigkeit? Oder nur der Wunsch, recht zu behalten? Manchmal erscheint es mir, als sei das Rechthaben wichtiger geworden als das gemeinsame Finden einer Lösung.

Was gewinnt ein Mensch, wenn er recht behält und dafür etwas Wertvolles verloren geht?

Und dann denke ich an Demonstrationen. An Menschenmengen, Rufe, Empörung und diese gewaltige Energie, die entsteht, wenn viele Menschen gleichzeitig etwas bewegen wollen. Diese Energie kann verbinden, Mut machen und Veränderungen ermöglichen. Aber sie kann auch eine Eigendynamik entwickeln, bis hin zu Hass und Zerstörung.

Rufen wir noch, weil wir wirklich etwas zu sagen haben? Oder irgendwann nur noch, weil alle anderen rufen? Machen wir mit, weil wir überzeugt sind? Oder weil wir uns nicht trauen, auszuscheren?

Vielleicht tragen wir manchmal einen ganz anderen Tumult in uns. Eine Wut, die schon lange keinen Ausdruck gefunden hat. Enttäuschungen, die wir hinuntergeschluckt haben. Das Gefühl, übersehen, ungerecht behandelt oder nicht ernst genommen worden zu sein.

Vielleicht haben wir viel zu lange geschwiegen, obwohl wir etwas sagen wollten. Zugestimmt, obwohl wir anderer Meinung waren. Dinge ertragen, obwohl wir längst hätten handeln können.

Und plötzlich stehen wir in einer Menge. Andere schreien. Und wir schreien mit. Vielleicht endlich auch all das hinaus, was in uns selbst schon lange tobt.

Und wenn aus Worten Steine werden? Einer fängt an, andere werfen zurück. Ist das wirklich der Weg? Oder ist es manchmal Ausdruck eines Schmerzes, für den wir bisher keine Worte gefunden haben?

Ich denke dabei auch an die Pandemie. An den gesellschaftlichen Druck, die Angst, die Unsicherheit. An Menschen, die ausgegrenzt wurden, weil sie anders dachten oder handelten. Heute möchte man darüber oft nicht mehr sprechen. Vorbei. Jeder wollte ja nur das Beste.

Konditionierte Angst.

So habe ich es damals genannt. Und auch heute frage ich mich, wie sehr unser Verhalten von Ängsten bestimmt wird, die wir vielleicht längst nicht mehr hinterfragen.

Deshalb möchte ich heute etwas ganz Einfaches sagen.

Informiere dich. Prüfe, was du für richtig hältst. Übernimm Verantwortung für deine Entscheidungen. Und gestehe anderen Menschen zu, zu einer anderen Überzeugung zu gelangen.

Lass dich nicht benutzen. Auch nicht von deiner eigenen Wut.

Frage dich, was dich wirklich bewegt. Was du verändern möchtest. Und was du selbst bereit bist, dafür zu tun.

Vielleicht beginnt Wehrhaftigkeit genau dort, wo wir den Mut finden, selbst zu denken, selbst zu entscheiden und für unsere Überzeugungen einzustehen.

Und Stolz?

Vielleicht dürfen wir wieder stolz darauf sein, eine eigene Haltung zu haben. Widersprechen zu können, ohne andere zu verletzen. Und uns einzugestehen, wenn wir uns geirrt haben.

Denn nicht das Rechthaben macht uns stark, sondern die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.

Machst du da mit?

Dann frage dich, warum. Und wenn du nicht mitmachst, frage dich das ebenso.

Denn es geht nicht darum, was alle tun. Es geht darum, was du selbst für richtig hältst und ob du den Mut hast, dafür einzustehen.

Warum denn nicht.


© Manuela Engel-Dahan
Waldphilosophin und Krisenwandlerin
Impulsgeberin für Mensch und Wirtschaft

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