Der Winter haucht mir seinen Atem ins Gesicht,
weckt mich aus meinen Träumen und trägt das Innere nach außen.
Lässt alles ruhiger und sanfter erscheinen,
malt die Konturen nach und lädt ein,
wieder zurückzusinken in die Träume.
Und da ist mir, als hätte ich,
vielleicht durch den weißen Anblick,
eine innere Weisheit entdeckt:
Der radikalste Widerstand ist nicht das Geschrei,
nein, es ist die Stille selbst.
Es ist das Nichts, das man teilt,
wenn man nichts mehr vorträgt oder nachträgt.
Es ist die Freiheit, die man sich selbst erschafft
durch die Befreiung von Klage.
Es ist die Entsagung der Bewertung von außen.
Es ist der Verzicht auf den Filter als Maske,
die doch nur die Angst kaschiert und vielleicht
den Mund, der gerade nicht lächeln mag,
oder das Gesicht selbst,
das auch mal ohne Malerei auskommen möchte,
einfach so, wie die Natur es schuf.
In den Nachrichten heißt es: Schnee bringt Lebensgefahr.
Rutschige Wege. Eiskalte Nächte. Überforderung.
Ich höre sie: die Fragen, die Klagen, die Einordnungen,
die Hinweise und Gedanken zu früher und zum Jetzt.
Und dabei spüre ich, wie mich das Weiß nach innen führt,
in eine Stille, die nicht flieht, sondern sanft sortiert.
Was bleibt:
ein ruhiger Moment mit mir und mit dem,
was ich selbst für mich behalte.
Ich schreie es nicht heraus.
Ich klage nicht mehr an.
Ich belasse es so.
Ich muss mich nicht mehr bewerten lassen.
Ich darf auch einfach sein mit all meiner Schwäche,
wie dieser Schnee, vielleicht hier und da auch vereist.
Doch wenn der nächste Sonnenstrahl kommt,
dann wird es wegschmelzen,
jede Verspannung, auch dort,
wo das Weiß nicht mehr ganz so weiß ist.
Der Schnee macht es vor:
sanft fallen,
ruhen,
hier und da glitzern
und abfließen, wenn die Zeit es will.
Im eigenen Rhythmus,
manchmal auch barfuß und mit roten Wangen.
Kälte bestärkt und macht bereit für alles,
was danach kommt.
© Manuela Engel-Dahan
Waldphilosophin und Autorin
Die Sprache entschleunigt – im langsamen Begreifen gelangen die Dinge zur Klarheit. Manchmal erinnert die Diktion an die oft unterschätzten Gedichte Friedrich Nietzsches bewusstes Staunen statt Hast. Die Texte entschleunigen und führen vom persönlichen Erleben zu allgemein gültigen Einsichten.