Wie ich mich beim Schreiben enttarnt habe
Es geschieht besonders dann, wenn ich einen Gedanken noch weiter ausbauen möchte und die Begeisterung mit mir durchgeht.
Du lieber Himmel, wie genial ist das denn? Das muss sofort in die Welt!
Die Gedanken sprudeln, ein Wort ergibt das andere, neue Bilder entstehen, Zusammenhänge werden sichtbar. Ich bin begeistert von dem, was sich da gerade vor meinen Augen entfaltet.
Und dann kommt das nochmalige Durchlesen. Eigentlich eher Durchfliegen, weil es mir so schwerfällt, meine eigenen Texte noch einmal zu lesen.
Moment mal.
Was habe ich mir denn jetzt gedacht und geschrieben?
So voller Überzeugung über Erwartungen, die andere an mich stellen. Darüber, wie schnell Menschen urteilen, wie sie ihre Schubladen öffnen und uns hineinstecken, ohne überhaupt zu wissen, wer wir sind oder was uns bewegt.
Und plötzlich stelle ich fest: Ich tue ja nichts anderes! Da hatte ich gleich zwei Schubladen sperrangelweit geöffnet.
Und das heißt im Klartext: Ich erwarte auch. Und nicht zu knapp.
Und plötzlich habe ich dieses Bild von mir im Kopf. Links und rechts auf meinen Schultern sitzen die Berater. Der eine nickt wohlwollend, der andere hat natürlich noch etwas einzuwenden. Und der freche Schalk? Der sitzt mir im Nacken, schaut sich das ganze Schauspiel an und grinst.
„Ist es traurig oder lustig? Was hast du gerade geschrieben? Guck doch mal richtig hin!“
Und dann lese ich noch mal.
Auf frischer Tat ertappt. Von mir selbst.
Und während ich darüber nachdenke, was Erwartungen so alles mit uns anstellen, fällt mir diese verrückte Begegnung von gestern auf der Buchmesse ein.
Eine Journalistin bleibt bei meinen Büchern stehen. Sie ist begeistert, so vermute ich. Mit gezücktem Stift macht sie hier und da Notizen in ihrer Kladde und blättert in meinen ausgestellten Büchern.
Ob sie mich interviewen dürfe, fragt sie auf Englisch.
Ja klar, kein Thema.
Sie beginnt mich zu fragen, wie meine Bücher entstehen. Ich, hocherfreut, sprudele los und erzähle von Inspirationen und Waldphilosophie. Sie nickt lächelnd.
Ich freue mich, erzähle weiter, oder besser: will weitererzählen.
Plötzlich unterbricht sie mich.
„Are you lesbian?“
Postblitz!
Ach ja. Ich bin auf einer queeren Buchmesse.
„Nein“, antworte ich kurz und knapp.
Sie klappt ihr Notizbuch zu und geht. Ohne ein weiteres Wort. Einfach so.
Ich schaue ihr hinterher.
Sachen gibt's.
Und schon sitzt er wieder da, mein frecher Schalk im Nacken.
Wer hat hier was erwartet? Und was hat das zu bedeuten?
Und da fallen mir Schubladen ein, die sich von zwei Seiten öffnen lassen ...
Ich wundere mich manchmal, ob da irgendwo jemand sitzt und sich das alles ausdenkt.
Wer weiß …
© Manuela Engel-Dahan
Waldphilosophin und Krisenwandlerin
Impulsgeberin für Mensch und Wirtschaft
Zum Foto: Beppi und Django ... und mir scheint, Beppi hat mich wohl auch bei irgendwas ertappt ...
#FormYourWorld
#FreigeistigeWaldgedanken
#MentalesWaldbaden
#Schubladen
#Erwartungen
Die Sprache entschleunigt – im langsamen Begreifen gelangen die Dinge zur Klarheit. Manchmal erinnert die Diktion an die oft unterschätzten Gedichte Friedrich Nietzsches bewusstes Staunen statt Hast. Die Texte entschleunigen und führen vom persönlichen Erleben zu allgemein gültigen Einsichten.