Es ist kein Sommer mehr, dieser Sommer, der manchmal so erschöpft, manchmal viel zu heiß, zu hell, zu grell.
Jetzt ist da eine feine Wärme, die sanft mit goldenem Licht streichelt. Und sie kommt am Morgen mit leichter Verzögerung, als sei auch sie noch ein wenig müde, weil die kühlen Winde der Nacht noch wie ein feuchter Vorhang über dem erwachenden Tag hängen.
Die Autoscheiben waren heute Morgen beschlagen. Nur ein kleines Zeichen, aber eines von denen, die erzählen: Etwas verändert sich.
Und dann im Wald: Am Eingang leuchtet es golden und gleichzeitig sieht noch fast alles nach Sommer aus. So grün, so satt und lebendig.
Der Boden ist dunkel und weich, hat die Feuchtigkeit der Nacht gespeichert und federt unter meinen Schritten. Dazwischen liegt das alte Herbstlaub vom vergangenen Jahr.
Ist das nicht verrückt? Der neue Herbst steht schon vor der Tür und der alte liegt noch immer hier.
Vielleicht gehen Jahreszeiten gar nicht so ordentlich nacheinander, wie wir das in unseren Kalendern festgelegt haben. Vielleicht verweilen sie ein wenig im Übergang. Die eine will noch nicht gehen, die andere möchte schon kommen.
Und wie zur Bestätigung, dass etwas in Bewegung ist, schwebt plötzlich vor mir ein Blatt zu Boden. Es ist grün.
Als wollte es verwegen sagen: „Ich habe schon losgelassen. Ich fühle mich längst zum Herbst hingezogen, auch wenn ich noch gar nicht so aussehe.“
So ein schöner Impuls. Veränderung beginnt manchmal lange, bevor man sie sehen kann. Und manchmal muss man gar nicht erst die Farbe wechseln, um zu wissen, dass es Zeit ist.
Einige Bäume stehen einfach nur da, grün, braun, grau, wie Bäume eben so herumstehen, und man bekommt das Gefühl, nichts könne sie erschüttern.
Und andere werden plötzlich von einem goldenen Sonnenstrahl getroffen.
Es wirkt auf mich, als wären an besonders markanten Stellen im Wald Scheinwerfer aufgebaut, die sagen: „Schaut hin. Hier haben wir ein ganz besonderes Exemplar.“
Und sofort verändert sich alles. Der Stamm leuchtet, die Rinde bekommt Tiefe, jede Unebenheit wird sichtbar. Es wirkt so würdevoll, als wären es ganz besondere Skulpturen, die die Natur geschaffen hat und jetzt für ein paar Minuten ins Licht stellt.
Eine Waldbühne.
Die Sonne, die Bäume, die Luft ... wer ist der Choreograf? Überall sehe ich kleine Bühnen, liebevolle Lichtregie, besondere Darsteller, die bereitstehen und auf ihre Rolle warten.
Links und rechts des Weges ist die Erde aufgewühlt. Die Wildschweine waren hier.
Ihre Schnauzen haben tiefe Furchen gezogen, immer auf der Suche nach dem, was unter der Erde offensichtlich wesentlich interessanter ist als das, was oben herumliegt. Ich dachte immer, sie fressen vor allem die Eicheln, aber sie suchen tiefer im Boden.
In den letzten Tagen habe ich sie häufiger gesehen. Große Familie. Ganz kleine Frischlinge, größere, Jugendliche, Mütter, mehrere Generationen unterwegs. Faszinierend ist die Geschwindigkeit, mit der die Beine laufen, während die Körper dabei fast regungslos wirken.
Das hat mich neugierig gemacht.
Wie organisieren Wildschweine eigentlich Familie?
Ich habe nachgelesen. Die Bachen führen die Rotte, die Jungen bleiben lange zusammen, die jungen männlichen Wildschweine ziehen irgendwann los und die erwachsenen Keiler?
Einzelgänger. Meist allein unterwegs.
Und seitdem denke ich an Eberhard. Eberhard, den Keiler.
Vielleicht findet der das gar nicht immer so angenehm, so ganz allein. Vielleicht steht Eberhard manchmal hinter einer dicken Buche, schaut dieser geschäftigen Wildschweinfamilie zu und denkt:
„Na wunderbar. Die haben Kinder, Tanten, Schwestern, können spielen, toben, sich unterhalten ... und ich? Ich hab niemand.“
Vielleicht würde Eberhard auch gerne einmal eine Rotte führen. Nur probeweise. Einen Nachmittag vielleicht.
„So, Kinder, heute passt Eberhard auf euch auf. Ich brauche mal Zeit für mich.“
Ich sehe die Bache förmlich verschwinden und Eberhard im Kreise der tollenden Wildschweinkinder stehen. Ob er das in den Griff kriegt? Würde er die wilden jungen Keilerchen dann in der Gruppe behalten, um ihnen zu zeigen, was ein Keiler wissen muss?
Keine Ahnung.
Aber ich glaube, es könnte ziemlich abenteuerlich werden.
Da lenken mich die Vögel ab. Ich hatte sie gar nicht wahrgenommen. Sie sind nicht laut, dafür aber ziemlich viele, und unterhalten sich in ganz unterschiedlichen Tönen. Einer ruft, ein anderer antwortet, irgendwo wird dazwischengezwitschert.
Vielleicht diskutieren sie gerade. Vielleicht erzählen sie, was in der Nacht passiert ist. Oder sie rufen einfach:
„Schau doch, was für ein schöner Morgen!“
In der Ferne höre ich Motorengeräusche, ein gleichmäßiges Rauschen. Und plötzlich klingt es für mich, als würde irgendwo ein Zug vorbeifahren.
Und ich denke: Wie war das früher, als die Eisenräder rhythmisch über die Schienen schlugen, das schwere Schnaufen einer Dampflok zu hören war, vielleicht ein Horn in der Ferne?
Und schon beginnt mein Kopf wieder Bilder zu malen.
Wie wäre dieser Wald vor hundert Jahren gewesen? Was hätte ich gehört?
Pferdewagen vielleicht. Das Klappern von Hufen. Das Schnauben der Pferde. Menschen, die miteinander rufen. Vielleicht schwere Rückepferde mit Ketten am Geschirr, die Baumstämme aus dem Wald ziehen.
Vielleicht mehr Menschen zu Fuß. Andere Geräusche, andere Tiere, andere Geschichten.
Und doch wahrscheinlich dieselben Sonnenstrahlen, die morgens irgendwo zwischen den Bäumen ihre kleine Bühne aufbauen.
Vielleicht auch damals ein grünes Blatt, das einfach losgelassen hat, obwohl es noch gar nicht nach Herbst aussah.
Der Wald verändert sich und bleibt.
So wie wir.
© Manuela Engel-Dahan
Waldphilosophin und Krisenwandlerin
Impulsgeberin für Mensch und Wirtschaft
#FormYourWorld
#FreigeistigeWaldgedanken
Die Sprache entschleunigt – im langsamen Begreifen gelangen die Dinge zur Klarheit. Manchmal erinnert die Diktion an die oft unterschätzten Gedichte Friedrich Nietzsches bewusstes Staunen statt Hast. Die Texte entschleunigen und führen vom persönlichen Erleben zu allgemein gültigen Einsichten.