19. Juli 2026

Runter vom Holzweg

Schau hin und mach dir nichts vor

„Was du tust, das braucht die Welt.“

Wie oft habe ich diesen Satz gehört.

Ja klar.
Nur weiß die Welt es noch nicht.

Was ein Visionär sieht, sieht der Realist noch lange nicht. Das gehört wohl zum Wesen einer Vision. Doch genau darin liegt auch eine Gefahr.

Wir können uns eine Idee so lange schönreden, bis wir selbst nicht mehr erkennen, warum sie bei anderen nicht ankommt.

Positivität bedeutet für mich, das Gute, das Lernbare und das Mögliche in einer Situation zu sehen. Der Selbstbetrug beginnt dort, wo wir Fehler kaschieren, Fehlentscheidungen verharmlosen oder einer Sackgasse einfach einen freundlicheren Namen geben.

Man muss auch sagen dürfen:

„Das war nicht gut.“
„Da habe ich mich vergaloppiert.“
„Da habe ich mich nicht gut genug in mein Gegenüber eingefühlt.“
„Da wollte ich etwas unbedingt und habe deshalb nicht mehr klar wahrgenommen, was tatsächlich da war.“

Scheitern ist letztlich auch nur ein anderes Wort für:
Es ist nicht gelungen.

Das anzuerkennen, ist Aufrichtigkeit.
Denn eine gute Idee und die eigene Begeisterung allein reichen nicht.
Es braucht mehr als den Wunsch, den eigenen Kontostand zu verändern.
Ein Business entsteht, wenn etwas ein echtes Problem löst.
Und damit ist eben nicht das Problem auf dem eigenen Konto gemeint.
Das soll nicht heißen, dass ein Business keinen Gewinn bringen darf. Im Gegenteil: Es soll und muss wirtschaftlich sein.
Doch der eigene Wunsch nach Gewinn reicht als Motivation für andere nicht aus.

Es braucht etwas, das einen Menschen oder ein Unternehmen tatsächlich stört, behindert, belastet oder Zeit, Geld und Nerven kostet.

Es braucht eine Lösung für diesen „Schmerz“.

Der Nutzen muss verstanden werden, und es braucht das Vertrauen, dass die Lösung hält, was sie verspricht.
Denn jede Art von Business ist ein Versprechen an Dritte.
Und damit nicht genug.

Es braucht auch jemanden, der bereit und in der Lage ist, dafür zu bezahlen.
Kann derjenige, der die Lösung benötigt, die Kosten selbst nicht tragen, braucht es einen anderen Kostenträger: ein Unternehmen, eine Kommune, eine Institution, eine Versicherung, einen Förderer oder einen Sponsor.

Erst dann kann aus einer guten Absicht ein tragfähiges Geschäftsmodell entstehen.

Vorsicht:
Wille ist kraftvoll.
Doch er kann auch die Wahrnehmung verfärben.

Es wird schwierig, wenn ich mir mit meinem unbedingten Wollen bereits im Vorfeld beweise, dass etwas funktionieren muss.

Dann reichen Sätze wie diese nicht:
„Das kriege ich hin.“
„Ich will das unbedingt.“
„Ich habe so viel investiert und so schwer dafür gearbeitet.“

Denn der Markt kennt weder unseren Aufwand noch unsere Entbehrungen.
Deshalb braucht es aus meiner Erfahrung schon vorher einen ehrlichen Abgleich von Kopf, Herz und Bauch.
Kommt der Impuls aus dem Bauch, kann es Mut sein.
Kommt er aus einem überschäumenden Herzen, kann daraus Übermut werden.
Übernimmt allein der Kopf und glaubt, alles beherrschen und berechnen zu können, kann sich Hochmut einschleichen.

Vertrauen entsteht für mich dort, wo Kopf, Herz und Bauch miteinander stimmig und im Einklang sind.
Aus dieser Ganzheit heraus nehme ich nicht nur mich selbst wahr.
Ich fühle mich auch in mein Gegenüber ein.
Ich nehme das Klima wahr, den Raum, die Stimmung und das Momentum.
Plötzlich erreichen mich Botschaften, die ich vorher vielleicht überhört hätte, weil ich wieder offen bin.

Es kommen Gedanken von außen, neue Ideen, Begegnungen oder Angebote.
Und manchmal beginnt genau dort diese besondere Magie, die etwas in Bewegung bringt.

So habe ich es immer wieder erfahren dürfen:
Es funktioniert, wenn ich offen wahrnehme und mir meine Wahrnehmung nicht durch Gedankenkonstrukte und unbedingten Erfolgswillen verfärbe.

Die Natur macht uns diese Ehrlichkeit jeden Tag vor.
Was keinen geeigneten Boden findet, schlägt keine Wurzeln.
Was unter den vorhandenen Bedingungen nicht wachsen kann, verkümmert.
Die Natur bewertet die Absicht nicht.
Sie zeigt, was wachsen kann.

Genau diese Aufrichtigkeit brauchen wir auch im Business.
Ist das Problem wirklich relevant?
Ist der Nutzen klar?
Habe ich mich ausreichend in mein Gegenüber eingefühlt?
Spreche ich mit den richtigen Menschen?
Gibt es einen Bedarf, aber keinen Kostenträger?
Oder gefällt mir selbst der Köder einfach besser als dem Fisch?

Ein alter Spruch und doch so wahr:
Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.
Das zu erkennen, kann wehtun.
Doch Aufrichtigkeit ist kein Verrat an der eigenen Vision.
Sie ist ihr Realitätscheck.

Positivität bedeutet deshalb auch, eine Fehlentscheidung anzuerkennen, aus ihr zu lernen und einen neuen Weg einzuschlagen.
Manchmal liegt die Stärke nicht darin, immer weiterzugehen.
Manchmal liegt sie in dem ehrlichen Satz:

Ich war auf dem Holzweg.
Und in dem Mut, ihn zu verlassen.

Und auf Hessisch heißt das:
Mund abbutze, weitermache.

Viel Glück!

© Manuela Engel-Dahan
Waldphilosophin und Krisenwandlerin
Impulsgeberin für Mensch und Wirtschaft

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— Gerhard Charles Rump (1947–2020), Kunsthistoriker und -theoretiker mit Schwerpunkt zeitgenössische Kunst; Privatdozent an der TU Berlin, Kurator, Galerist und Fotokünstler.
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