Kleines Gebet zum 1. Advent
Vielleicht ist es an der Zeit, uns selbst wieder ein bisschen ernst zu nehmen und nicht alles, was sich zeigt.
Ich lese in diesen Tagen so viel darüber, wer Schuld hat, wer verantwortlich ist, wer wieder nervt, wer böse ist und wer die Unterhosen voll hat und dies inzwischen genauso stolz oder unverfroren zeigt wie andere Dinge, die man nun wirklich nicht wissen müsste, geschweige denn anschauen.
Heute hatte ich ein wunderbares Gespräch mit einem sehr belesenen, den schönen Künsten zugewandten Freigeist. Er drohte mir scherzhaft an, mir die Ergebnisse seiner letzten Darmspiegelung zu schicken, wenn ich nicht endlich wieder etwas poste, das uns entweder die Mundwinkel nach oben zieht, trotz der trüben Stimmung am Himmel und in den Gazetten, oder die Stirn in Falten legt, weil wir kritisch beäugen wollen, was da so aus dem Bewusstseinsstrom herausfließt. Ziemlich unredigiert. Vielleicht aus dem selbst geschaffenen Zeitmangel geboren, weil ich selbst viel zu viel und viel zu lange scrolle.
Ich ziehe mir dann Dinge rein, die im ersten Moment bedeutsam wirken. Am nächsten Tag weiß ich oft nicht einmal mehr im Ansatz, was mich da vermeintlich so erleuchtet hat.
Vielleicht sollten wir uns selbst einmal Einhalt gebieten, denn wir sind doch selbst Social Media, wie liefern das, was sich da abspielt, und uns auch hin und wieder einen schwarzen Sticker vor die Linse kleben. Nur zur Erinnerung daran, dass wir nicht alles anschauen müssen, was es da auf dieser Welt oder an, um und in Körpern gibt. Manchmal ist es schwer, das Bild im Spiegel allein zu tragen. Ich weiß das auch. Doch ein wenig Selbstkritik, neben all der propagierten Selbstliebe, Selbstbefreiung und dem geforderten Selbstbewusstsein, wäre vielleicht eine gelebte oder gar gelungene Selbstfürsorge: der Versuch zu prüfen, was man selbst tun kann und welche Optionen es gibt, um das eigene Weltbild ein wenig näher zu beleuchten und gegebenenfalls auch geradezurücken, vielleicht auch schöner zu gestalten.
Vielleicht spreche ich jetzt nur mit mir selbst. Ein schöner Wunsch allemal für mein Dafürhalten.
Heute zum ersten Advent, lässt sich im Schein der Kerze ein kleines Gebet sprechen:
Erbarmt euch, ihr freizügigen Geister,
und zeigt nicht in die Welt,
was schon vor dem eigenen Spiegel zu stöhnen beginnt
oder auch Neider hervorruft, die es für sich in Anspruch nehmen.
Es ist ein schmaler Grat, bewahrt Würde und Rücksicht und schützt euch bitte auch damit.
Und wenn wir es doch tun, weil der Geist so schwach,
möge uns wenigstens der Humor nicht verloren gehen.
Amen.
© Manuela Engel-Dahan
Mentorin & Schriftstellerin
für Wandel & Resilienz
Selbstwirksam. Achtsam. Naturverbunden.
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Über 40 Jahre Expertise
in Unternehmertum, Wandel und gelebter Menschlichkeit
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Die Sprache entschleunigt – im langsamen Begreifen gelangen die Dinge zur Klarheit. Manchmal erinnert die Diktion an die oft unterschätzten Gedichte Friedrich Nietzsches bewusstes Staunen statt Hast. Die Texte entschleunigen und führen vom persönlichen Erleben zu allgemein gültigen Einsichten.