Menschenkind,
wenn der Frühling
mit seinen zarten Fingern
an deine Seele klopft,
wenn du plötzlich wieder
Lichtflecken auf dem Boden
leuchten siehst,
wenn dich der Duft
von aufbrechender Erde
tiefer berührt
als noch vor wenigen Tagen,
wenn du innehältst,
weil ein Vogelruf
dir wie eine Erinnerung vorkommt,
wenn sich dein Herz
nicht mehr nur nach einem anderen sehnt,
sondern nach dir selbst,
dann ist es Zeit.
Zeit, dich wieder einzusammeln
aus all den alten Geschichten,
aus dem Lärm,
aus dem Zweifel,
aus den Blicken,
die dich haben vergessen lassen,
wie schön du bist,
wenn du einfach nur bist.
Geliebtes Menschenkind,
du musst nicht erst heilen,
um liebenswert zu sein.
Du musst nicht erst vollkommen werden,
um dich in die Arme zu schließen.
Du darfst dich jetzt lieben.
Mitten in deinen Rissen.
Mit all den offenen Fragen.
Mitten in den unperfekten Nischen,
in denen dein Menschsein wohnt.
Vielleicht sind es gerade diese Stellen,
durch die das Licht
am schönsten in dich fällt.
Vielleicht sind es gerade
deine Brüche,
deine Umwege,
deine stillen Niederlagen,
die dich weich gemacht haben
für das Wesentliche.
Vielleicht war nicht alles gegen dich.
Vielleicht hat dich manches
nur zurückgerufen.
Zurück in deinen Körper.
Zurück in deine Wahrheit.
Zurück in die Erinnerung,
dass du nicht hier bist,
um jemand anderes zu werden,
sondern um dich selbst
zu erfahren.
Vielleicht war es gar ein Schutz,
damit du dich um dich selbst bemühst.
Und wenn dies mit Freude geschieht,
mit einem offenen Herzen,
mit einem inneren Ja,
dann wird dein Dasein
auch Freude bereiten.
Dann wird deine Gegenwart
zu einem warmen Licht
für andere Menschen,
ohne dass du dich anstrengen musst.
Dann wird dein Lächeln
nicht mehr gefällig sein,
sondern einfach echt.
Dann wird dein Blick
nicht mehr suchen,
sondern segnen.
Du schönes, tapferes Herz,
verliebe dich in dich
wie in einen ersten Frühlingstag.
Staune über dich,
als würdest du dich
zum ersten Mal sehen.
Berühre dein eigenes Wesen
mit jener Zärtlichkeit,
mit der man ein seltenes Blütenblatt
zwischen zwei Fingerspitzen hält.
Koste von deinem eigenen Duft.
Lausche deinem schönen Klang.
Spüre die Sanftheit,
mit der deine Seele
dich längst berühren will.
Sieh, wie dein Licht
selbst über deine Schatten fällt.
Schmecke das Leben in dir
wie klares Wasser
aus einer verborgenen Quelle.
Und nimm dich wahr
wie ein kostbares Wesen,
das nicht erst werden muss,
sondern bereits ist.
Sprich mit dir,
als wärst du die große Liebe
deines Lebens,
eine Ausnahmeerscheinung,
eine Kostbarkeit mit goldenen Rissen.
Denn vielleicht bist du genau das.
Vielleicht war die tiefste Sehnsucht
nie nur,
von einem anderen erkannt zu werden,
sondern endlich selbst
bei dir anzukommen.
Vielleicht meint Eigenliebe
gar nicht, zu zeigen, wie gut man ist
und was man alles kann.
Vielleicht meint sie einfach:
Ich bleibe bei mir.
Ich verlasse mich nicht.
Ich höre, wenn mein Inneres flüstert.
Ich nehme mein Unbehagen ernst.
Ich ehre meine Grenzen.
Ich vergebe mir mein Zögern.
Ich danke mir für mein Durchhalten.
Ich halte mich,
auch wenn niemand sonst es gerade tut.
Du zarte Seele im Menschengewand,
es wird Tage geben,
an denen du dich nicht glanzvoll fühlst.
Tage, an denen dein Herz
eher nach Winter klingt
als nach fröhlichem Vogelgesang.
Auch das gehört dazu,
wie jede Jahreszeit
ihre eigene Schönheit besitzt.
Auch dann wächst etwas in dir,
unsichtbar vielleicht,
womöglich leise,
aber dennoch wahr.
Nicht jede Blüte
öffnet sich im Sonnenlicht.
Manches gedeiht
in der stillen Nacht.
Und nicht alles,
was schmerzt,
ist nur Verlust.
Manches ist Reifung.
Manches ist Umleitung.
Manches ist Gnade
in einer Gestalt,
die du erst später erkennst.
Denn ja,
alles, was geschieht,
trägt auch eine gute Seite in sich,
selbst wenn dein menschliches Herz
sie nicht sofort sehen kann.
Manche geschlossene Tür
bewahrt dich vor einem Raum
ohne Boden.
Mancher Abschied
rettet deine Würde.
Manche Enttäuschung
ist nur das Leben,
das dich sanft
in eine wahrhaftigere Richtung dreht.
Und während du noch glaubst,
etwas verloren zu haben,
beginnt dein Inneres bereits,
sich auf das Neue vorzubereiten.
Die Schamanen sagen,
wir seien der perfekt geträumte Traum
unserer unsterblichen Seele.
Wie schön ist dieser Gedanke.
Was für eine Zärtlichkeit
liegt darin.
Nichts ist reiner Zufall.
Vielleicht gibt es kein Versehen.
Vielleicht ist der Kampf
auch nur ein Reifeprozess
und die Korrektur
ein wichtiges Ereignis.
Ein Traum.
Gewollt.
Gemeint.
Geträumt in Liebe.
Ach Menschenkind,
sich selbst zu lieben und zu segnen,
statt sich zu bekämpfen,
und all das zu stärken, was wohltut,
das trägt dich auf Wolken.
Menschenkind,
du bist selbst
wie eine blühende Landschaft
mit wilder Schönheit,
mit weichen Moosbetten,
mit Lichtungen,
mit schattigem Unterholz.
Und vielleicht sind gerade dort
die verborgenen Quellen.
Du musst nicht alles an dir mögen,
um dich ganz zu lieben.
Du musst nicht jeden deiner Schritte
verstehen,
um dich dennoch
als Wunder zu begreifen.
Es genügt,
wenn du heute anfängst,
dir selbst aufmunternd zuzunicken.
Vielleicht morgens
im ersten Licht
mit einem Lächeln im Gesicht.
Vielleicht abends
mit der Hand auf deinem Herzen.
Vielleicht mit dem einen Satz,
der alles verändert:
Ich bin hier.
Für mich.
Mit mir.
Und ich bin bereit,
mich liebevoll zu erfahren.
Du wundersames Wesen,
lass diesen Frühling
in dir ankommen.
Lass deine Seele kitzeln.
Lass deine innere Frequenz
den Ton finden,
der dich erfüllt.
Lass Freude und Milde walten.
Und wenn du einmal fällst,
dann falle
in deine eigenen Arme.
Dort beginnt die wahre Liebe.
In dir.
Jetzt.
© Manuela Engel-Dahan
Waldphilosophin und Krisenwandlerin
Impulsgeberin für Mensch und Wirtschaft
#FormYourWorld
#FreigeistigeWaldgedanken
#LiebesbriefansMenschenkind
Die Sprache entschleunigt – im langsamen Begreifen gelangen die Dinge zur Klarheit. Manchmal erinnert die Diktion an die oft unterschätzten Gedichte Friedrich Nietzsches bewusstes Staunen statt Hast. Die Texte entschleunigen und führen vom persönlichen Erleben zu allgemein gültigen Einsichten.