Aufwühlende Gedanken
Es geht turbulent zu im Wald,
der Wind rauscht durch die Wipfel
und bringt alles in Bewegung,
erst mit kleiner Zeitverzögerung
kommt es unten am Waldweg an
und lässt Gräser, Büsche und junge Bäume mitwedeln.
Wenn Sturm aufkommt,
merkt man das erst in den Kronen,
sie beginnen langsam zu schwingen,
es rauscht in der Ferne,
dort wird abgefangen oder aufgefangen,
wie man’s nimmt,
dann nach unten gegeben,
was nicht zu halten war.
Die vielen Blätter,
die hier am Boden liegen,
machen deutlich:
Es sind nicht nur Herbstblätter.
Mein Blick fällt auf die Eichenblätter.
Auch junge sind dabei, in Gruppen,
noch grün und voll im Saft.
Hat der Wind sie aus dem Leben gerissen?
Oder ein fallender Ast?
Daneben liegen halb verwelkte,
erkrankte mit Knabberspuren,
viele, die ihr Leben gelebt haben,
braun und bereits auf dem Weg zur Zersetzung.
Wie im echten Leben, denke ich,
schießen mir Bilder in den Kopf,
vor allem ein Gespräch mit einer Mutter,
die ihren Sohn verloren hat,
unerwartet.
Mir stockt noch jetzt der Atem,
wenn ich daran denke.
Es blieb nur ein Wort:
Warum?
Es gibt keine Antwort.
Der Schmerz war so greifbar,
hat sich auf mich übertragen.
Und welchen Sinn hat das?
Gibt es einen?
Nun: Ist das Leben ohne Sinn noch lebenswert?
Reicht es, wenn man glaubt,
dass im „Leben danach“ nur Harmonie sein wird?
Der Sinn ist nur im Jetzt.
Das spüre ich im Wald.
Ich stelle mir vor,
wenn der Baum die Welt wäre,
dann wäre der Stamm das Fundament,
die Äste wären unsere Ahnen,
die Zweige nahe Verwandte und Freunde
und jeder Mensch ein Blatt.
Und welchen Sinn macht es,
wenn die Blätter ihr Leben lassen?
Sie sinken zu Boden und sind Nährboden
für die nächste Generation.
Eine nüchterne Fantasie,
denke ich mir,
und der Wind pfeift mir um die Ohren und flüstert:
„Mach dir nicht so viel Gedanken,
es geht immer nur ums Jetzt.
Was morgen ist, werden wir sehen.
Ich denke,
ich schiebe noch Wolken zum Wald,
der Boden kann’s vertragen.“
Da kommt die Sonne hinter den Wolken hervor,
und mit einem Mal wird es wieder warm.
Wie zur Bestätigung ist es mit einem Mal windstill,
und die Sonne bringt alles zum Strahlen:
Farben, die erst durch den Regen,
die Tränen des Waldes, sichtbar werden.
Sie kitzelt mich.
Die Blätter schimmern am Boden,
vielleicht winken sie mir und sagen:
„Wir sind hier,
weil es so sein soll.“
Ich weiß nicht, ob es trösten kann,
zu sehen,
dass Leben und Tod miteinander verwoben sind,
wie das Ein- und Ausatmen,
manche wollen gehen und können nicht,
andere wollen bleiben und müssen gehen,
und manche gehen, ohne es zu bemerken.
Sie werden vielleicht abgeholt.
Als würde ihre Seele woanders gebraucht.
Aufwühlende Gedanken,
die mir am Ende einen versöhnlichen Impuls schenken:
Das Jetzt ist Hafen für Ankunft und Abschied,
alles andere weiß vielleicht nur der Wind.
© Manuela Engel-Dahan
WaldPhilosophin | Entspannungstrainerin | Stress- und Burnout-Coach
Im Wald gefühlt. Ins Leben geschrieben.
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