Er fiel während eines Telefonats mit dem Kundenservice eines Unternehmens. Ich hatte einen jungen Mitarbeiter darum gebeten, einen Rückruf am selbigen Tag zu organisieren. Eine Telefonnummer durfte er mir nicht geben. Er sollte kein Problem lösen, sondern Informationen weitergeben an einen Kollegen.
Sein Ausspruch hat mich verblüfft. Ich wusste einen Augenblick lang nicht, ob ich vor Lachen vom Stuhl fallen oder mir mit der flachen Hand auf die Stirn schlagen sollte.
Denn der junge Mann meinte es vollkommen ernst.
Es war kein Humor, es klang fast nach Verzweiflung.
Am nächsten Tag konnte ich eine Geschäftsführerin eines Partner-Unternehmens erreichen. Sie nahm sich der Sache an und löste das Problem innerhalb weniger Stunden.
Es ging also.
Im anschließenden Gespräch erzählte sie mir von ihren Erfahrungen mit jungen Mitarbeitern.
Überfordert. Gelangweilt. Erschöpft.
Dieses Thema macht mich sehr betroffen.
Ich möchte etwas dagegen tun.
Was ist los in unserer Gesellschaft?
Was belastet die junge Generation?
Und warum scheinen manchmal schon ganz alltägliche Erwartungen so schwer zu wiegen?
Ja, wie sieht es denn aus mit unserer Belastbarkeit?
Und vor allem: Was können wir tun, damit Menschen wieder mehr Zutrauen in ihre eigenen Fähigkeiten entwickeln?
Ich glaube nämlich, dass wir heute etwas ganz besonders dringend brauchen.
Wehrhafte Menschen.
Menschen, die sich den Herausforderungen des Lebens stellen.
Die nicht bei jeder Schwierigkeit zurückweichen.
Die bereit sind, sich die Informationen zu beschaffen, die sie benötigen, um eine Aufgabe zu bewältigen.
Menschen, die Fragen stellen, nachdenken, recherchieren, Zusammenhänge erkennen und eigene Lösungswege entwickeln.
Menschen, die standhaft bleiben, auch wenn ihnen einmal ein kräftiger Wind entgegenweht.
Und vor allem Menschen, die Verantwortung übernehmen.
Für sich selbst. Für ihre Entscheidungen. Für die Aufgaben, die sie übernommen haben.
Denn Verantwortung bedeutet doch nicht, dass ich bereits alles weiß oder alles kann.
Verantwortung beginnt mit der Bereitschaft, mich um etwas zu kümmern.
Nicht mit dem Finger auf andere zeigen und sich zurückziehen, sondern selbst aktiv werden und mitgestalten.
Wenn ich eine Antwort nicht kenne, dann frage ich nach.
Wenn mir Informationen fehlen, dann beschaffe ich sie mir.
Wenn ich etwas nicht entscheiden darf, dann suche ich den Menschen, der es entscheiden kann.
Und wenn ich nicht weiterkomme, dann bitte ich um Unterstützung.
Auch das ist Verantwortung.
Wie aber sollen Menschen dieses Selbstvertrauen entwickeln, wenn wir ihnen immer mehr Schwierigkeiten aus dem Weg räumen?
Wenn wir Erwartungen vorschnell mit Überforderung verwechseln?
Wenn wir bereits ein unangenehmes Gefühl zum Anlass nehmen, uns einer Aufgabe zu entziehen?
Natürlich kenne auch ich Druck, Angst und Erschöpfung.
Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn das Leben plötzlich mehr von uns verlangt, als wir in diesem Moment vielleicht leisten können oder uns zutrauen.
Aber ich weiß auch, welches wunderbare Gefühl entsteht, wenn wir uns einer Schwierigkeit gestellt und sie schließlich gemeistert haben.
Wenn wir hinterher sagen können:
Das habe ich geschafft!
Vielleicht haben wir vergessen, wie wichtig solche Erfahrungen für unser Selbstvertrauen sind.
Und vielleicht haben wir auch vergessen, dass Widerstandskraft nicht dadurch entsteht, dass wir jeden Widerstand vermeiden.
Hier möchte ich auch die Arbeitgeber in die Verantwortung nehmen.
Wer selbstständige Mitarbeiter möchte, muss ihnen Selbstständigkeit ermöglichen.
Wer Eigeninitiative fordert, muss zulassen, dass Menschen eigene Wege suchen.
Und wer Verantwortung erwartet, muss auch bereit sein, Verantwortung zu übertragen.
Aber auch der Mitarbeiter muss sich dieser Chance bewusst sein und sie ergreifen.
Denn was nützt das größte Vertrauen, wenn niemand den Mut aufbringt, es anzunehmen?
Vertrauen ist der Schlüssel, damit wir uns selbst und anderen wieder mehr zutrauen.
Und das entsteht nicht von allein. Ja, das kostet manchmal Überwindung. Auf beiden Seiten.
Und während ich darüber nachdenke, fällt mir unser nächster Termin von „Boomer meets Gen Z“ ein.
Am Samstag, dem 7. November, ab 17 Uhr im Café Machbar in Bad Orb.
Unser Thema heißt: LOSLASSEN.
Vielleicht haben wir das Loslassen bisher viel zu einseitig betrachtet.
Meist geht es dabei um Gewohnheiten, um Liebgewonnenes, um Sorgen, Enttäuschungen oder schmerzhafte Erinnerungen.
Aber vielleicht müssen wir auch ganz andere Dinge loslassen.
Die Vorstellung beispielsweise, dass immer jemand anderes die Antwort kennen muss.
Dass Schwierigkeiten grundsätzlich vermieden werden sollten.
Dass wir nur dann handeln können, wenn wir uns vollkommen sicher fühlen.
Oder dass wir erst dann Verantwortung übernehmen können, wenn uns jemand garantiert, dass alles gut ausgehen wird.
Vielleicht müssen wir auch unsere Bequemlichkeit loslassen.
Oder manchmal sogar unsere Lethargie.
Unsere Angst vor Fehlern.
Unsere Angst vor Widerspruch.
Und die Erwartung, dass irgendwann schon jemand kommen wird, der unsere Probleme für uns löst.
Das gilt übrigens nicht nur für junge Menschen.
Das gilt für uns alle.
Und genau deshalb gibt es unsere monatlichen Begegnungen bei „Boomer meets Gen Z“.
Weil wir miteinander ins Gespräch kommen möchten. Weil wir voneinander lernen können. Und weil wir immer wieder feststellen dürfen, dass uns viel mehr eint, als uns trennt.
Und damit auch wir Älteren lernen, loszulassen.
Unsere Vorurteile über die junge Generation.
Unseren Anspruch, dass nur unsere Erfahrungen und unsere Wege die richtigen sind.
Und vielleicht auch unsere Angewohnheit, vorschnell einzugreifen, statt jüngeren Menschen Gelegenheit zu geben, eigene Lösungen zu finden.
Denn Loslassen bedeutet doch nicht zwangsläufig, etwas aufzugeben.
Manchmal bedeutet Loslassen auch, etwas zuzulassen.
Neue Gedanken. Andere Wege. Ungewohnte Lösungen. Und das Vertrauen, dass andere Menschen etwas schaffen können, auch wenn sie es anders machen als wir selbst.
Vielleicht lässt dann auch der Druck nach.
Vielleicht verwandelt sich das Gefühl der Überforderung in die Freude, etwas selbst bewirken zu können.
Vielleicht entsteht aus Unsicherheit Neugier.
Aus Angst vor Verantwortung der Mut, sie zu übernehmen.
Und aus dem Willen, ein Problem loszuwerden, die Schaffenskraft, es tatsächlich zu lösen.
Warum denn nicht.
© Manuela Engel-Dahan
Waldphilosophin und Krisenwandlerin
Impulsgeberin für Mensch und Wirtschaft
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Die Sprache entschleunigt – im langsamen Begreifen gelangen die Dinge zur Klarheit. Manchmal erinnert die Diktion an die oft unterschätzten Gedichte Friedrich Nietzsches bewusstes Staunen statt Hast. Die Texte entschleunigen und führen vom persönlichen Erleben zu allgemein gültigen Einsichten.