29. März 2020

Ein Spatz auf dem Dach

Virus, danke, dass ich lebe, danke, dass ich denke, ich will es weiterhin mit mehr Bedacht. Verschone mich, verschone uns, mach mich stark, damit mein Verstand nicht erstummt in Angst.

Da sitzt ein Spatz
auf dem Dach,
ist das nicht
der Taubenplatz,
muss er nicht
runter in die Hand?
Ach so,
er will vom Dach pfeifen,
ja, ist das denn erlaubt,
er ist doch wahrlich
kein Meistersänger?
Darf er den Schnabel
aufmachen?
Ich weiß es nicht.

Singen darf vielleicht  
nur die Nachtigall,
doch singt sie
des Nachts im Dunkeln,
damit sie keiner sieht?
Ich weiß es nicht.

Ich höre die Angst,
ich sehe schon Schatten,
dunkle Schatten,
geworfen von
unsichtbarem Virus?
Geht das überhaupt?
Ich weiß es nicht.

Ich fühle den Virus
in der Gesellschaft,
ich bin verletzlich,
ich bin fehlbar,
ich will wachsam sein,
will zuhören,
will lernen,
will denken,
denken ohne Unterlass
und mir meinen Reim machen.
Darf ich das?
Ich weiß es nicht.
Bin nur eine Frau aus Bad Orb.

Ja, es ist mein Reim,
andere kann ich nicht.
Will mich nicht
hindern lassen,
weder vom Virus,
noch von Menschen,
will weiterhin denken
und nach
Plausibilität suchen
und doch, ist es nicht
immer nur meine Wahrheit.
Ich weiß es nicht.

Will weiterhin
meine Pflicht
erfüllen,
mich nicht
verbiegen lassen
von der Angst,
jetzt,
wo der Virus
uns heimsucht,
das Untere nach
oben gekehrt,
will meine Meinung
mutig sagen,
sollen sie mich
belächeln,
bedauern,
beleidigen
oder bespucken,
ich will es aushalten,
mit Liebe aufweichen,
will weiterhin meine Gedanken
in Worte packen,
will Bitten äußern,
mich auch mitten hineinstellen
ins Netz,
um das Gute
zu suchen,
zu sichern,
zu waren
und zu pflegen,
für mich und alle,
die mir anvertraut sind.

Ich bin Unternehmerin,
mein Geist ist frei.

So höre ich ihn,
so pfeift er,
der Spatz
vom Dach.

Bin ich böse
oder verrückt?
Ich weiß es nicht.
Ich nehme mich an.

Virus,
danke, dass ich lebe,
danke, dass ich denke,
ich will es weiterhin
mit mehr Bedacht.
Verschone mich,
verschone uns,
mach mich stark,
damit mein Verstand
nicht erstummt
in Angst.

© Manuela Engel-Dahan

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Rezension
Buchbesprechung von Gerhard Charles Rump (postume Veröffentlichung, 08.08.2020) zu Freigeistige Waldgedanken – Band 1.
Die Sprache entschleunigt – im langsamen Begreifen gelangen die Dinge zur Klarheit. Manchmal erinnert die Diktion an die oft unterschätzten Gedichte Friedrich Nietzsches bewusstes Staunen statt Hast. Die Texte entschleunigen und führen vom persönlichen Erleben zu allgemein gültigen Einsichten.
— Gerhard Charles Rump (1947–2020), Kunsthistoriker und -theoretiker mit Schwerpunkt zeitgenössische Kunst; Privatdozent an der TU Berlin, Kurator, Galerist und Fotokünstler.
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