31. August 2026

HILFE, ES LÄUFT OHNE MICH!

Vielleicht genau deshalb, weil ich es zugelassen und vorbereitet habe.

Eigentlich ist es doch genau das, was wir uns als Unternehmer wünschen: Ein Unternehmen, das auch dann funktioniert, wenn wir einmal nicht da sind. Mitarbeiter, die selbstständig handeln, Entscheidungen treffen, Lösungen finden und Verantwortung übernehmen. Menschen, die mitdenken und nicht wegen jeder Kleinigkeit auf eine Antwort warten.

Und dann passiert es tatsächlich. Ein Problem wurde gelöst, bevor ich überhaupt davon erfahren habe. Eine Entscheidung wurde getroffen, jemand hatte eine gute Idee und plötzlich merke ich: Es läuft auch ohne mich.

Eigentlich müsste sich das großartig anfühlen. Und trotzdem meldet sich manchmal diese kleine, ziemlich hartnäckige Frage: Braucht man mich jetzt eigentlich noch? Vielleicht beginnt genau hier dieser schmale Grat zwischen dem Wunsch nach Entlastung und der Angst, an Bedeutung zu verlieren.

Gerade wenn man viele Jahre ein Unternehmen geführt hat, sitzt ein bestimmtes Bild erstaunlich tief. Ein guter Chef ist da, weiß Bescheid, kennt die Zusammenhänge und findet möglichst schnell eine Lösung. Vielleicht gehört zu diesem Bild sogar, morgens als Erster zu kommen und abends als Letzter zu gehen. Aber ist das wirklich gute Führung? Bin ich ein schlechterer Chef, wenn ich nicht mehr jedes Detail kenne? Verliere ich den Überblick, wenn andere in ihrem Bereich mehr wissen als ich? Oder zeigt sich vielleicht gerade darin, dass sich etwas entwickelt hat?

Denn ich kenne auch die andere Seite. Jemand kommt mit einem Problem und während er noch erzählt, beginnt mein Kopf bereits nach einer Lösung zu suchen. Nach vielen Jahren Unternehmertum geht das manchmal erstaunlich schnell. Man kennt ähnliche Situationen, sieht Zusammenhänge und hat eine Idee, wie es gehen könnte. Dann ist es verführerisch, die Lösung einfach auszusprechen.

Vielleicht wäre es manchmal spannender, erst einmal zu fragen: „Was würdest du tun?“ Denn damit verändert sich etwas. Der andere denkt weiter, entwickelt eine eigene Lösung und kommt womöglich auf einen Gedanken, den ich selbst gar nicht hatte. Und dann frage ich mich: Muss die gute Idee eigentlich immer von mir kommen? Vielleicht darf ich als Unternehmer auch einfach sagen: Das ist ein guter Gedanke. Lass uns das ausprobieren.

Für mich verändert sich Unternehmertum genau an dieser Stelle. Dann geht es nicht mehr nur darum, selbst Ideen zu haben und Entscheidungen zu treffen, sondern auch darum, den Gedanken anderer Raum zu geben. Und das kann plötzlich eine neue Dynamik entwickeln.

Was geschieht, wenn Mitarbeiter anfangen, selbst unternehmerisch zu denken? Wenn sie Zusammenhänge erkennen, Chancen sehen, Dinge hinterfragen und ihre Aufgaben mit einem Blick auf das Ganze betrachten? Eigentlich ist doch genau das ein Geschenk für jedes Unternehmen.

Und trotzdem kann auch hier diese kleine teuflische Angst auftauchen. Was, wenn jemand irgendwann so gut wird, dass er mich gar nicht mehr braucht? Was, wenn ich Wissen weitergebe, Freiheit ermögliche und jemanden stark mache, der eines Tages seinen eigenen Weg gehen möchte? Baue ich mir damit vielleicht sogar meine eigene Konkurrenz auf?

Ich finde, auch diesen Gedanken darf man sich eingestehen. Denn vielleicht zeigt sich gerade daran, wie tief Vertrauen tatsächlich gehen kann. Es reicht weit über das Abgeben von Aufgaben hinaus. Es bedeutet auch, einem anderen Menschen zuzugestehen, frei zu denken, einen eigenen Blick zu entwickeln und vielleicht sogar zu einem anderen Ergebnis zu kommen als ich.

Im Unternehmensalltag kommt allerdings noch eine andere Sorge hinzu: die Wirtschaftlichkeit. Denn am Ende müssen die Zahlen stimmen.

Wer lange Unternehmer ist, weiß, wie schnell aus vielen kleinen Entscheidungen Zahlen in die falsche Richtung gehen können. Eine zusätzliche Stunde hier, ein unnötiger Arbeitsschritt dort, ein Prozess, der immer komplizierter wird, obwohl es auch einfacher ginge. Aber ist das wirklich immer so? Vielleicht braucht es auch hier mehr Vertrauen.

Die Fragen „Warum machen wir das so?“, „Wie viel Zeit brauchen wir dafür?“, „Gibt es einen einfacheren Weg?“ oder „Stehen Aufwand und Ergebnis noch in einem vernünftigen Verhältnis?“ gehören für mich zur unternehmerischen Verantwortung. Gleichzeitig können auch sie vorschnell gestellt werden, vielleicht noch bevor ein neuer Gedanke überhaupt die Gelegenheit hatte, sich zu entwickeln.

Und genau hier stellt sich wieder die Frage, wie weit diese Verantwortung reichen muss. Muss ich wirklich jeden einzelnen Schritt prüfen oder darf ich erwarten, dass Menschen, die selbstständig arbeiten, auch Zeit, Kosten und Aufwand mitdenken und gleichzeitig die Offenheit bekommen, neue Wege zu wagen?

Sicher ist es wichtig, eine Aufgabe nicht nur gut zu erledigen, sondern auch im Blick zu behalten, ob der gewählte Weg nachhaltig sinnvoll und wirtschaftlich ist. Dieses Denken kann sich aber nur entwickeln, wenn Freiheit auch dann gewährt wird, wenn etwas im ersten Moment nicht nach dem alten Schema läuft. Dann kann man gemeinsam auf die Situation schauen, Erfahrungen austauschen und vielleicht neue Lösungen entwickeln, die von allen mit Überzeugung umgesetzt werden.

Ist das leicht? Sicher nicht von Anfang an und auch nicht immer. Da ist schließlich noch diese kleine Stimme, die ins Ohr raunt: Schau lieber noch einmal selbst nach. Manchmal mag sie recht haben, manchmal steckt dahinter aber vielleicht auch die Angst vor Verlust, davor, nicht mehr gebraucht zu werden oder den Überblick zu verlieren.

Und hier wird es spannend, denn es braucht ein feines Gespür dafür, was mich in diesem Moment eigentlich antreibt. Verantwortung für das große Ganze kann man doch auch nur übernehmen, wenn man Verantwortung in den einzelnen Bereichen weitergibt. Und das heißt irgendwann auch loslassen.

Und ja, es kann passieren, dass ein Mitarbeiter in seinem Bereich sogar mehr weiß als ich. Ist das denn so schlimm?

Ich hatte irgendwann einmal gelesen: Ich muss nicht alles wissen, aber ich muss wissen, wo es steht. Und wenn ich jemanden im Unternehmen habe, der nicht nur weiß, wo es steht, sondern es auch selbst weiß, dann ist das doch ein großes Geschenk. Und wenn dieser Mensch dafür auch die entsprechende Wertschätzung bekommt, kann daraus für beide Seiten etwas Gutes entstehen.

Ich muss nicht in allem der/die Beste sein, nur weil ich UnternehmerIn bin. Ich muss auch nicht immer recht haben. Und vielleicht ist ein anderer Gedanke sogar besser als meiner. Das erweitert den Blick und auch die Möglichkeiten für das gesamte Unternehmen.

Vielleicht liegt genau darin eine Gelassenheit, die erst mit der Zeit entstehen kann: die Freude daran, zu sehen, was andere können, die Neugier auf Gedanken, die nicht aus dem eigenen Kopf stammen, und die Bereitschaft, einen guten Gedanken anzunehmen, ganz gleich, von wem er kommt.

Denn was nützt es, Menschen zum Mitdenken aufzufordern, wenn am Ende doch nur die Gedanken willkommen sind, die meinen eigenen entsprechen? Vielleicht zeigt sich Vertrauen gerade dort, wo ich zunächst denke: Das hätte ich anders gemacht. Und dann feststelle: Es funktioniert. Vielleicht sogar richtig gut. Anders, als ich es mir vorgestellt habe, und trotzdem gut.
Ja, das kann dann passieren. 

Und ausgerechnet aus dem, was mir zunächst ein wenig Angst gemacht hat, entsteht plötzlich etwas, wonach ich mich lange gesehnt habe: mehr Zeit, mehr Luft und wieder Raum für Gedanken, die durch das ständige Zur-Stelle-Sein immer wieder nach hinten gerutscht sind. Vielleicht kann ich wieder stärker nach vorne schauen, weil nicht mehr jeder einzelne Vorgang meine Aufmerksamkeit braucht.

Und dann kommt vielleicht irgendwann dieser ganz unspektakuläre Tag, an dem niemand meine Hilfe braucht. Ein Problem wurde gelöst, eine gute Entscheidung getroffen, die Kosten sind im Blick und die Menschen wissen, was sie tun.

Es läuft.

Und diese kleine Stimme meldet sich trotzdem noch einmal: Braucht man mich noch?

Vielleicht darf ich darüber schmunzeln und mich fragen, ob diese Veränderung mir am Ende viel mehr gibt, als ich zunächst befürchtet habe.

Stell dir vor, es läuft ohne mich.

Großartig eigentlich. Und vielleicht sogar genau deshalb, weil ich es zugelassen, vorbereitet und anderen etwas zugetraut habe.

Oh ja, das muss man erst einmal zulassen, um dann sagen zu können:

Alles richtig gemacht, oder?

© Manuela Engel-Dahan
Waldphilosophin und Krisenwandlerin
Impulsgeberin für Mensch und Wirtschaft

#FormYourWorld
#FreigeistigeWaldgedanken

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— Gerhard Charles Rump (1947–2020), Kunsthistoriker und -theoretiker mit Schwerpunkt zeitgenössische Kunst; Privatdozent an der TU Berlin, Kurator, Galerist und Fotokünstler.
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