DER ZWECK HEILIGT DIE MITTEL NICHT
Gestern habe ich den Film Nahschuss gesehen. Er hat mich erschüttert und wirkt in mir weiter.
Mich beschäftigt vor allem die Frage, wie aus einer Idee irgendwann eine menschenverachtende Prozessmaschine werden kann.
Am Anfang stehen häufig große Ziele. Eine bessere Welt. Gerechtigkeit. Gemeinschaft. Veränderung.
Gerade junge Menschen tragen diese Sehnsucht in sich. Sie wollen etwas bewegen, gestalten, Sinn finden und die Welt verändern. Eine wunderbare Kraft. Und genau diese Kraft, diese Sehnsucht, kann durch Manipulation fehlgeleitet und für fremde Interessen genutzt werden.
Begeisterung lässt sich lenken. Zugehörigkeit schafft Bindung, Anerkennung schafft Vertrauen. Und Schritt für Schritt verschiebt sich der eigene Kompass.
Er glaubt, einer guten Sache zu dienen, während längst andere seinen Idealismus für ihre Ziele nutzen.
Das empfinde ich als besonders perfide.
Denn irgendwann läuft die Maschine.
Menschen erfüllen ihre Aufgaben, Entscheidungen werden weitergereicht, Verantwortung verteilt sich auf viele Schultern. Und für den Einzelnen wird der Handlungsspielraum immer enger.
Irgendwann fordert die Maschine den Menschen selbst.
Der Ausstieg kann das Leben kosten.
Das Weitermachen kann Empathie, Selbstachtung und Würde kosten.
In beiden Richtungen steht am Ende der Mensch selbst auf dem Spiel.
Vielleicht beschäftigt mich deshalb gerade auch die Frage nach Toleranz so sehr.
Für mich bedeutet Toleranz, einem anderen Menschen seinen Standpunkt zuzugestehen und zugleich meinen eigenen zu bewahren, mich und meine Werte zu würdigen und zu leben.
Ich möchte zuhören, verstehen und meine Sicht hinterfragen können. Gleichzeitig möchte ich spüren, wo ich selbst stehe und meiner eigenen Wahrnehmung vertrauen.
Denn meine Identität braucht einen eigenen Kompass.
18 Jahre meines Berufslebens habe ich in der Hochsicherheitsbranche und im Geheimschutz gearbeitet. Diese Zeit hat meinen Blick geprägt. Ich habe gelernt, hinter das Sichtbare zu schauen.
Gerade bei überzeugenden Botschaften, großen Versprechen und vermeintlich guten Zielen interessiert mich, welche Interessen dahinterstehen und wohin eine Entwicklung führen kann.
Nahschuss ist für mich auch ein Schuss in die Tiefe.
Der Film erinnert mich daran, wie wertvoll die eigene Wahrnehmung und das Hinterfragen verlockend präsentierter „Vorzüge“ sind. Und wie leicht sich Menschen für eine Sache gewinnen lassen, wenn jemand ihre Sehnsüchte kennt, ihnen Bedeutung verspricht und ihren Idealismus für eigene Ziele nutzt.
Deshalb stelle ich mir bei allem, besonders wenn Entscheidungen anstehen, zwei Fragen. Einfühlen und rechnen helfen mir dabei, genauer hinzuschauen.
Was ist das Motiv?
Wer hat den Nutzen?
© Manuela Engel-Dahan
Waldphilosophin und Krisenwandlerin
Impulsgeberin für Mensch und Wirtschaft
Bad Orb, 16. April 2026
#FormYourWorld
#FreigeistigeWaldgedanken
#Nahschuss
#Würdebewahren
Die Sprache entschleunigt – im langsamen Begreifen gelangen die Dinge zur Klarheit. Manchmal erinnert die Diktion an die oft unterschätzten Gedichte Friedrich Nietzsches bewusstes Staunen statt Hast. Die Texte entschleunigen und führen vom persönlichen Erleben zu allgemein gültigen Einsichten.