Heute ist der 14. Mai. Eisheiliger Bonifatius. Vatertag.
Eigentlich sollte heute das Naturbad rufen.
Wir wollten eintauchen, uns treiben lassen,
die Freiheit im Wasser spüren,
wieder erleben, wie das samtweiche Nass die Haut streichelt,
den Körper geradezu liebevoll massiert.
Die Wartezeit seit Ende September wäre vorbei.
Das Naturbecken wartet.
Doch draußen sind es 13,9 Grad.
Mehr Grau als Blau.
Warten statt Springen.
Oder doch? Gerade kommt die Sonne wieder heraus.
Die Enten sind schon dort.
Wir warten noch ab.
Und da fällt mir dieser wunderbare Satz in den Kopf,
den ich gestern zufällig gehört habe:
„We want to solve problems. Better to dissolve them.“
Das finde ich einfach grandios.
Ein Problem?
Wenn wir es „lösen“ wollen, erzwingen wir manchmal etwas,
das noch nicht reif ist.
Wir bekämpfen
und erzeugen Gegendruck.
Besser auflösen.
Das bedeutet:
die Situation annehmen
und sich ohne Druck neu orientieren.
Es ist noch nicht die Zeit.
Wir müssen nicht mit zusammengebissenen Zähnen ins kalte Wasser springen,
die Luft anhalten,
gegen die Kälte kämpfen
und im Widerstand einfach nur funktionieren.
Die Natur lehrt uns das Auflösen.
Die Eisheiligen sind wie eine letzte klärende Luftschicht.
Ein Moment, in dem die Kälte nicht mehr bekämpft werden muss,
sondern noch einmal leise ruft,
bevor sie in der Wärme der kommenden Tage vergeht.
Sie löst sich auf,
weil ihre Zeit abgelaufen ist.
Ein Problem aufzulösen bedeutet,
nicht gegen die 13,9 Grad anzukämpfen,
sondern die innere Temperatur so weit zu erhöhen,
dass der Frost der Angst keine Angriffsfläche mehr findet.
Wir warten heute noch zwei Tage auf das Schwimmbad.
Aber wir warten nicht passiv.
Wir genießen die Spaziergänge zwischen den Luftschichten,
die Sonnenstrahlen zwischen den Wolkenbahnen
und wir wissen:
Die warmen Tage kommen.
Die Vögel erzählen uns davon.
Probleme sind oft wie das Wetter der Eisheiligen:
ein vorübergehender Zustand,
der sich massiv anfühlt,
aber keine Substanz hat,
die dem Licht standhält.
Wenn wir nicht länger an den Umständen herumdoktern,
sondern unsere Perspektive wandeln,
lösen sich manche Widerstände still auf.
Manchmal merken wir es erst mit Versatz.
Dann, wenn sie längst gegangen sind.
Die Gedanken sind der erste Schritt.
Sie können Wolken bringen,
Gewitter aufziehen lassen
oder die Sonne fröhlich kitzeln lassen.
Die Enten machen sich weniger Gedanken darum.
Sie plantschen bereits
und genießen in aller Ruhe das menschenleere Naturbecken.
Auch schön.
© Manuela Engel-Dahan
Waldphilosophin und Krisenwandlerin
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