Wenn du denkst, das war Intuition, dann hast du dich geschnitten.
Denn genau das musste ich selbst erkennen.
Neulich bekam ich einen Satz zu hören, der erst einmal wehgetan hat:
„Na, vielleicht hörst du mal auf mit Intuition. Scheint ja nicht zu klappen, dein Hokuspokus.“
Das saß.
Und doch war genau in diesem Schmerz eine Erkenntnis versteckt. Denn nachdem ich mich eine Weile darüber geärgert hatte, wurde mir klar: Ich war meiner Intuition gar nicht gefolgt. Ich hatte etwas anderes mit ihr verwechselt.
Sehnsucht.
Ich will es bewusst so nennen. Nicht Ego. Nicht Selbsttäuschung. Nicht Schwäche. Sondern Sehnsucht. Denn davon tragen wir Menschen reichlich in uns, in ganz unterschiedlichen Ausprägungen.
Da ist die Sehnsucht, endlich von jemandem wirklich gesehen zu werden. Die Sehnsucht nach Nähe, nach Verständnis, nach Verbundenheit. Nach einem Menschen, der uns stützt, der uns liebt, wie wir sind, der mit uns verrückt sein kann, der unsere Wünsche spürt, noch bevor wir sie aussprechen.
Daran ist nichts falsch. Im Gegenteil. Es ist zutiefst menschlich. Aber ja, es kann zu großem Schmerz, zu Verlust führen und es kann dazu führen, dass man andere, ohne es zu wollen, verletzt.
Schwierig wird es dann, wenn Sehnsucht beginnt, sich als Intuition zu verkleiden. Wenn wir etwas so sehr wollen, dass wir beginnen, es für wahr zu halten. Wenn wir glauben, wir hätten uns „eingefühlt“, dabei folgen wir in Wahrheit einer inneren Hoffnung.
Denn Intuition denkt nicht. Überhaupt nicht.
Zumindest nicht so, wie unser Verstand denkt. Sie diskutiert nicht lange, sie liefert keine ausgefeilten Begründungen und sie überredet nicht. Sie ist oft still und vor allem eindeutig.
Und manchmal gibt es diesen einen kleinen Moment, ganz am Anfang. Einen winzigen Stich. Ein kurzes inneres Stocken. Ein kaum hörbares Nein. Oder ein Zögern, das wir sofort überspielen, wegwischen, weil die Sehnsucht längst ihre eigene Geschichte erzählt.
Dann meldet sich der Kopf und sagt: Das kriege ich hin. Das wird schon. Diesmal ist es anders.
Und genau da liegt der Unterschied. Da lässt man die Intuition links liegen, obwohl man glaubt, ihr zu folgen.
Und wie merkt man das?
Wenn Sehnsucht lenkt, wird das Denken sehr geschäftig. Es erklärt, ordnet ein, beruhigt, redet schön. Wenn Intuition führt, ist da keine Debatte. Eher eine tiefe, ruhige Gewissheit, die kein einziges Argument braucht.
Ich finde das spannend, weil wir so oft glauben, Intuition sei etwas Romantisches oder Geheimnisvolles.
Das Leben hat mich da einiges gelehrt. Und ja, es gab Menschen, die meine Sehnsüchte erkannt und für sich genutzt haben. Das hat wehgetan. Sehr sogar.
Heute weiß ich, dass genau in diesem Schmerz auch eine Erkenntnis lag. Denn irgendwann musste ich mich fragen: Was haben diese Menschen in mir gesehen, was ich selbst noch nicht erkannt hatte? Welche Sehnsucht war da so groß, dass ich sie mit Intuition verwechselt habe?
Und genau deshalb konnte ich ihnen irgendwann auch verzeihen. Nicht, weil ich gutheiße, was sie getan haben. Sondern weil sie etwas in mir aufgedeckt haben, das ich selbst noch nicht sehen konnte.
Sie haben es für sich genutzt.
Ich konnte es später für mich verstehen.
Darin lag für mich die eigentliche Lektion. Nicht darin, dass meine Intuition versagt hätte. Sondern darin, dass ich lernen musste, Sehnsucht und Intuition überhaupt voneinander zu unterscheiden.
Ich habe erfahren, wie unterschiedlich sich Fühlen und Wissen anfühlen können. Und dass Intuition überhaupt nichts mit Wunschdenken zu tun hat.
Wunschdenken will.
Intuition weiß. Punkt.
Ich habe inzwischen zwölf Sehnsüchte für mich benannt, die uns manchmal vorgaukeln, sie seien Intuition. Sie begegnen mir immer wieder, bei mir selbst und bei anderen. Und genau darüber schreibe ich auch in einem meiner neuen Bücher, das im nächsten Jahr erscheint.
Darin geht es auch darum, dass Sehnsucht etwas zutiefst Menschliches ist. Und dass wir uns verzeihen dürfen, wenn wir ihr gefolgt sind und erst später erkennen, dass wir sie mit Intuition verwechselt haben.
Vielleicht liegt genau darin der Schlüssel: Wenn wir glauben, unserer Intuition zu folgen, noch einmal hinzuschauen. Nicht nur: Was fühle ich? Sondern auch: Was fehlt mir gerade? Wonach sehne ich mich?
Denn vielleicht lässt sich genau dort der Schleier ein wenig lüften.
Wunschdenken will.
Intuition weiß.
© Manuela Engel-Dahan
Waldphilosophin und Krisenwandlerin
Impulsgeberin für Mensch und Wirtschaft
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Die Sprache entschleunigt – im langsamen Begreifen gelangen die Dinge zur Klarheit. Manchmal erinnert die Diktion an die oft unterschätzten Gedichte Friedrich Nietzsches bewusstes Staunen statt Hast. Die Texte entschleunigen und führen vom persönlichen Erleben zu allgemein gültigen Einsichten.