WANN IST EINE TRENNUNG HEILSAM?
Manchmal braucht es eine Trennung, damit wieder etwas wachsen kann.
Dieser Gedanke beschäftigt mich gerade, auch im Zusammenhang mit Arbeit, Führung und der Frage, wann eine Kündigung vielleicht mehr sein kann als das Ende eines Arbeitsverhältnisses.
Denn natürlich tut eine Kündigung weh. Dem Menschen, der sie erhält, weil sie zunächst wie eine Zurückweisung wirken kann. Und manchmal auch demjenigen, der sie ausspricht, weil man sich eingestehen muss, dass etwas nicht so geworden ist, wie man es sich einmal vorgestellt hat.
Vielleicht gab es Erwartungen, Hoffnungen und den aufrichtigen Wunsch, dass es miteinander gut funktionieren möge. Vielleicht hat man gemeinsam begonnen, weil beide Seiten überzeugt waren, dass es passen könnte.
Und irgendwann stellt man fest: Es passt nicht mehr.
Oder vielleicht hat es nie wirklich gepasst und man hat sehr lange versucht, es passend zu machen.
Ich muss dabei immer wieder an die Natur denken.
Nicht jede Pflanze wächst auf jedem Boden gleich gut. Manche brauchen viel Licht, andere suchen den Schatten. Manche möchten regelmäßig Wasser, andere reagieren empfindlich auf zu viel davon. Manche brauchen nährstoffreiche Erde, andere entwickeln ihre besondere Schönheit gerade dort, wo der Boden karg ist.
Man kann gießen, düngen, beobachten, den Standort verändern und versuchen herauszufinden, was fehlt. Und trotzdem wächst eine Pflanze manchmal nicht mit der Kraft und Freude, die eigentlich in ihr steckt.
Vielleicht ist es bei Menschen ähnlich.
Ein Mitarbeiter kann Fähigkeiten besitzen, die an einem bestimmten Platz kaum sichtbar werden. Vielleicht passen die Aufgaben nicht zu ihm. Vielleicht entsprechen die Erwartungen nicht dem, was er geben kann oder geben möchte. Vielleicht braucht er mehr Freiheit, ein anderes Tempo, eine andere Aufgabe oder Menschen um sich herum, bei denen etwas in ihm zum Vorschein kommt, das bisher kaum gesehen wurde.
Doch genau an dieser Stelle wird das Bild vom falschen Boden für mich auch gefährlich.
Denn vielleicht war der Boden gar nicht falsch. Vielleicht haben wir nur noch nicht erkannt, was auf ihm wachsen könnte. Vielleicht haben wir einen Menschen lange danach beurteilt, was uns fehlt, und dabei zu wenig darauf geschaut, was längst vorhanden ist. Vielleicht haben wir etwas zu früh eingeordnet, zu schnell bewertet oder Fähigkeiten erwartet, die mit der eigentlichen Stärke dieses Menschen wenig zu tun haben.
Und manchmal pikst irgendwo noch eine alte Wunde. Eine frühere Enttäuschung, ein Vertrauensbruch oder eine Erfahrung mit einem Menschen, die längst vergangen ist und trotzdem unseren Blick auf den nächsten beeinflusst.
Vielleicht kontrollieren wir dann schneller, hören in einem Satz etwas, das gar nicht gesagt wurde, oder erwarten eine Reaktion, die der andere gar nicht kennen kann.
Und plötzlich kann jemandem Ungerechtigkeit widerfahren, obwohl niemand bewusst ungerecht sein wollte.
Der eine fühlt sich mit seinen Fähigkeiten, seiner Absicht oder seinen Bemühungen nicht gesehen. Der andere fühlt sich mit seinen Erwartungen, seiner Verantwortung und vielleicht auch seinen Sorgen nicht verstanden.
Das verunsichert beide Seiten und irgendwann wird die Luft dünn. Gespräche werden vorsichtiger, Reaktionen genauer beobachtet und plötzlich bekommt vieles eine Bedeutung, die vorher gar nicht da war. Eine Frage klingt wie Kritik, Schweigen wie Ablehnung und eine Nachfrage wie Misstrauen. Unsicherheit breitet sich aus.
Je weniger Sicherheit da ist, desto mehr Raum bekommen Interpretationen.
Der eine denkt vielleicht: Man traut mir nichts mehr zu. Der andere fragt sich: Warum passieren diese Fehler?
Und irgendwann denkt jeder mehr über den anderen nach, als mit ihm zu sprechen.
Vielleicht ist deshalb eine der wichtigsten Fragen überhaupt:
Reden wir wirklich miteinander oder hören wir nur noch unsere eigenen Gedanken?
Denn manchmal wäre vielleicht noch etwas möglich gewesen. Vielleicht gab es Fähigkeiten, die kaum gesehen wurden, Gedanken, die keinen Raum bekamen, oder Erwartungen, die nie wirklich ausgesprochen wurden. Vielleicht hätte ein anderes Gespräch, eine andere Aufgabe oder etwas mehr Vertrauen etwas verändert.
Ja, vielleicht. Aber vielleicht auch nicht.
Vielleicht hilft dann vor allem Ehrlichkeit.
Ein Unternehmen hat schließlich ebenfalls Bedürfnisse. Es braucht bestimmte Fähigkeiten, Verbindlichkeit, Eigenständigkeit, Verantwortung und manchmal auch ein bestimmtes Tempo. Es braucht Menschen, die zu dem passen, was gerade gebraucht wird.
Wenn Erwartungen und Möglichkeiten auf Dauer zu weit auseinanderliegen, kann irgendwann eine Trennung notwendig werden.
Aber dann möchte ich sie nicht schönreden.
Vielleicht liegt das Heilsame einer Trennung gar nicht in der Trennung selbst, sondern in dem, was durch die Enttäuschung sichtbar wird.
Sie ist schmerzhaft, ja, und doch kann sie auch etwas Aufklärendes haben.
Eine Täuschung endet.
Vielleicht habe ich mich über einen Menschen getäuscht. Vielleicht hat sich ein Mensch über mich, seine Aufgabe oder seine Möglichkeiten in einem Unternehmen getäuscht. Vielleicht haben wir beide geglaubt, dass wir dasselbe meinen, obwohl unsere Vorstellungen längst auseinanderlagen.
Und manchmal täuschen wir uns vielleicht auch selbst.
Wir glauben, deutlich gewesen zu sein, obwohl der andere unsere Erwartungen gar nicht kannte. Wir glauben, jemanden verstanden zu haben, obwohl wir sein Verhalten längst durch unsere eigenen Erfahrungen betrachten. Oder wir hoffen immer weiter, dass sich etwas verändert, obwohl wir beide längst spüren, dass wir uns voneinander entfernt haben.
Und dann wird Verschwommenes plötzlich wieder klar.
Es wird sichtbar, was gefehlt hat, was wir voneinander erwartet haben, was wir geben konnten und was wir vielleicht versäumt haben. Und manchmal auch, was wir beim nächsten Mal früher sehen, fragen oder aussprechen möchten.
Und dann sind da noch die Menschen, die mit einem Arbeitsplatz verbunden sind.
Kollegen, die man geschätzt und vielleicht sogar liebgewonnen hat. Menschen, mit denen man sich ausgetauscht, gelacht, sich geärgert, gegenseitig geholfen oder einfach viele Stunden des Lebens geteilt hat.
Man verabschiedet sich bei einer Kündigung selten nur von einer Aufgabe oder einem Arbeitsvertrag. Man verabschiedet sich auch von einem Stück Alltag.
Und da ist sie wieder, diese kleine Wehmut, die mich immer wieder packt.
Manchmal kenne ich sie schon von einem ganz normalen Abend, wenn ein schöner Tag zur Neige geht und ich denke: Wie schade, dass genau dieser Tag jetzt vorbei ist.
Vielleicht gehören Freude und Traurigkeit viel enger zusammen, als wir manchmal glauben.
Ich denke dabei an Freudentränen. Sie entstehen in einem glücklichen Moment und trotzdem liegt manchmal etwas ganz Zartes, fast Schmerzhaftes darin. Vielleicht weil wir schon in diesem Augenblick spüren, dass er sich nicht festhalten lässt.
Es ist schön und es vergeht.
Morgen ist dieser Moment bereits Erinnerung. Er lässt sich nicht genauso wiederholen.
Oder vielleicht doch?
Vielleicht nicht als derselbe Augenblick, aber als etwas, das in uns bleibt.
So empfinde ich es auch mit Menschen, die ein Stück unseres Weges begleitet haben. Eine Trennung nimmt diese Zeit nicht weg. Vielleicht verändert sie nur ihren Platz.
Aus Gegenwart wird Erinnerung.
Und vielleicht möchte ich genau deshalb meine kleinen Glücksmomente einsammeln und hüten. Das gemeinsame Lachen, einen besonderen Satz, eine kleine Hilfe im richtigen Moment, einen Blick oder einen Augenblick, in dem alles einfach gut war.
Vielleicht sind Erinnerungen genau dafür da, damit ein schöner Moment nicht verschwindet, nur weil er vorbei ist.
Und wenn irgendwann ein trauriger Tag kommt, kann ich vielleicht eine dieser Erinnerungen hervorholen und mich daran erinnern: Da war etwas Schönes.
Es ist vergangen und trotzdem gehört es zu meinem Leben.
Vielleicht kann eine Trennung genau deshalb gleichzeitig schmerzen und etwas lösen. Nicht weil alles vorher falsch war, nicht weil einer recht und der andere unrecht hatte und auch nicht, weil jeder Abschied automatisch eine neue Chance sein muss.
Vielleicht entsteht etwas Heilsames erst dann, wenn wir aufhören, uns selbst und den anderen etwas vorzumachen und anerkennen, was möglich gewesen wäre.
Eine Wehmut bleibt.
© Manuela Engel-Dahan
Waldphilosophin und Krisenwandlerin
Impulsgeberin für Mensch und Wirtschaft
Acrylgemälde Nr. 90 hundertrotwein by Manuela Engel-Dahan
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#FreigeistigeWaldgedanken
#Trennung
Die Sprache entschleunigt – im langsamen Begreifen gelangen die Dinge zur Klarheit. Manchmal erinnert die Diktion an die oft unterschätzten Gedichte Friedrich Nietzsches bewusstes Staunen statt Hast. Die Texte entschleunigen und führen vom persönlichen Erleben zu allgemein gültigen Einsichten.