10. Dezember 2024

Der weiche Kern

Was weich ist, kann man nicht brechen

Seit Tagen beobachte ich im Wald verstreute, zauberhafte Eiskristall-Kunstwerke. Manche sehen aus wie verlorene Golfkugeln, andere erinnern an Zuckerwatte am Holzstiel, hier ein verwegenes Hütchen und dort ein tänzerisches Etwas. Jetzt liegt ein zartes Ästchen vor mir, nackt und blass, geschmückt mit einem glitzernden, weißen Volant. Es wirkt so elegant und auch, als ob der weiche Kern dramatisch präsentiert wird.

Mir scheint, als kehre sich der weiche Kern mehr und mehr nach außen. Vielleicht ist es nur meine selektive Wahrnehmung, weil ich mich selbst so fühle. Liegt es an meinen Unzulänglichkeiten, Fehleinschätzungen und verhängnisvollen Abbiegungen? Immer häufiger begegne ich Menschen, sowohl analog als auch digital, die aufrichtig über Schmerz und Verletzlichkeit sprechen.

Vielleicht ist es ein Mythos, außen hart zu sein, um besser durchs Leben zu kommen? Vielleicht birgt es ebenso eine Gefahr, die Weichheit zu verstecken, vermeintlich zu schützen, und dadurch Verletzungen nicht verhindern zu können. Vielleicht wären wir umsichtiger, wenn wir wüssten, dass ein harter Schutzpanzer, wie Eiskristalle, auch weggeschmolzen werden kann und dass es keiner sichtbaren Gewalt bedarf, um den Schutz zu entfernen.

Und dann gibt es Auswirkungen und Konsequenzen, denen wir uns nicht entziehen oder die wir auch nicht ändern können. Da nutzt auch der Schutzpanzer nicht mehr. Es bleibt nur der Rückzug oder man kehrt das Innere nach außen und marschiert vorwärts. Dann bleibt uns vielleicht nichts, und doch bleibt uns alles. Denn da ist er, unser offener, weicher Kern, der uns gleichermaßen nackt und eingehüllt zeigt, dass uns nichts brechen kann, wenn wir weich sind. Dass hart und weich nur Illusion ist und wir vielleicht nur dann wirklich stark sind, wenn wir tun und sagen, was wir fühlen – wie Kinder, die sich noch nicht verkapselt haben mit dem Erwachsensein.

Der weiche Kern in unserem wahren Selbst ist eine Energiequelle voller Wärme aus Selbstverständnis und Selbstliebe; wir müssen nicht mehr im Außen nach Wärme suchen. Macht das Sinn? Wenn es schön warm ums Herz wird, es im Bauch kribbelt und das Hirn fröhlich summt, dann unbedingt – für mich.

© Manuela Engel-Dahan
Mut- und Lebensberaterin für Angstbewältigung
Begleiterin zur inneren Stärke und Lebensfreude

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Buchbesprechung von Gerhard Charles Rump (postume Veröffentlichung, 08.08.2020) zu Freigeistige Waldgedanken – Band 1.
Die Sprache entschleunigt – im langsamen Begreifen gelangen die Dinge zur Klarheit. Manchmal erinnert die Diktion an die oft unterschätzten Gedichte Friedrich Nietzsches bewusstes Staunen statt Hast. Die Texte entschleunigen und führen vom persönlichen Erleben zu allgemein gültigen Einsichten.
— Gerhard Charles Rump (1947–2020), Kunsthistoriker und -theoretiker mit Schwerpunkt zeitgenössische Kunst; Privatdozent an der TU Berlin, Kurator, Galerist und Fotokünstler.
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