27. März 2021

Wo stehen wir?

Was läuft denn noch?

Ist uns die
Plausibilität vergangen,
auf und davon oder
haben wir vielleicht
den Anschluss verpasst,
weil wir immer nur
Bahnhof verstehen und
uns niemand so recht
an unserem Standpunkt
abholt?

Haben wir uns
an Weg-Kreuzungen oder
Abzweigungen verlaufen
und deshalb den Anschluss
verpasst?

Haben wir den Glauben
an Versprechungen verloren,
weil man sich für
Beteuerungen nichts
mehr kaufen kann?

Haben wir den Durchblick
gegen Nebelschwaden eingebüßt,
weil die Masken
unsere Brillen beschlagen oder
verrauscht uns der warme Atem
vorm Gesicht  bereits
unser feines Gehör?
Hyperventiliert hat schon
lange niemand mehr.

Stirbt das Gespür für Mitgefühl,
weil wir Menschen abzählen und
einer zu viel in der Runde
als Sündenbock für Freigang
und Ladenöffnung gestempelt wird?

Dürfen wir noch auf Wiesen oder
nur noch auf Bänken sitzen,
erlaubt man uns Fragen zu stellen
oder hat uns bereits jemand
an- oder ausgezählt?

Wie weit reicht
der Placebo-Effekt von
wortgewaltigen Lippenbekenntnissen
oder sind es gar Prophezeiungen?

Werden wir glücklich gesund leben,
wenn alle mit Nadel geimpft sind?

Reichen Bekenntnisse und
Entschuldigungen um
Menschen zu diszipliniertem
Askese-Verhalten zu konditionieren?

Wie würden wir entscheiden,
wenn wir die Verantwortung hätten,
wie werden wir reagieren,
wenn wir die Wahl haben?

Wir wollen uns vor
unsichtbaren Viren schützen
und haben den Mitmensch
als Gefährder identifiziert.

Vielleicht erkennen wir
einander nicht mehr,
weil Gesichter nicht mehr
zu sehen sind?

Der Mensch,
ein Konsument,
digital alles erlaubt,
kontaktlos ins Haus geliefert,
Paketboten rennen um ihren Lohn,
können sich kaum mehr retten,
ob der Bestellwutausbrüchen,
während Händler mit
tränenreichem Blick
nur noch Zeit getacktet
analog kaufbereite Menschen
empfangen dürfen,
nur in indizierten Rhythmen
und gerne auch mit Klopapier.

Du liebe Welt,
ich verstehe nichts mehr,
vielleicht reicht uns die Zukunft
Aufklärung und Erkenntnis.

Heil Corona.
Heil uns.

© Manuela Engel-Dahan

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Buchbesprechung von Gerhard Charles Rump (postume Veröffentlichung, 08.08.2020) zu Freigeistige Waldgedanken – Band 1.
Die Sprache entschleunigt – im langsamen Begreifen gelangen die Dinge zur Klarheit. Manchmal erinnert die Diktion an die oft unterschätzten Gedichte Friedrich Nietzsches bewusstes Staunen statt Hast. Die Texte entschleunigen und führen vom persönlichen Erleben zu allgemein gültigen Einsichten.
— Gerhard Charles Rump (1947–2020), Kunsthistoriker und -theoretiker mit Schwerpunkt zeitgenössische Kunst; Privatdozent an der TU Berlin, Kurator, Galerist und Fotokünstler.
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