Vor Krisen.
Vor Krankheiten.
Vor Menschen.
Vor Entwicklungen.
Vor Farben.
Vor dem, was kommen könnte.
Warnungen sollen schützen.
Doch ich frage mich:
Wovor können wir eigentlich warnen?
Doch meist nur vor dem,
was wir bereits kennen.
Vor dem, was schon einmal geschehen ist.
Vor Mustern, die wir erkannt haben.
Vor Gefahren, denen wir irgendwann einen Namen gegeben haben.
Wir schauen zurück,
werten Erfahrungen aus,
denken Linien weiter
und versuchen daraus zu berechnen,
was morgen geschehen könnte.
Zukunftsvoraussage.
Und doch vielleicht nur:
Vergangenheit, fortgeschrieben als gefürchtete Zukunft.
Oder im besten Fall mit erhofftem Update.
Wir verändern bisherige Parameter,
passen unsere Modelle an,
rechnen neue Möglichkeiten hinein
und glauben, damit dem Morgen näher zu kommen.
Aber was, wenn Zukunft genau das hervorbringt,
was wir noch gar nicht kennen?
Etwas, für das es noch keine Warnung gibt.
Weder Etikett noch Statistik.
Weder vertrautes Muster noch einen Namen.
Ich habe in meinem Leben gelernt:
Der Teufel kommt nicht in Prada.
Und schon gar nicht in der Mode von gestern.
Er wechselt sein Gewand.
Unverhofft. Unerwartet.
Und manchmal erkennen wir erst sehr viel später,
wer oder was tatsächlich darin steckte.
Vielleicht suchen wir deshalb auch an der falschen Stelle.
Wir kennen eine Gefahr
und richten unseren Blick auf sie.
Wir wissen, wie sie gestern aussah.
Also suchen wir morgen nach demselben Gesicht.
Doch während wir aufmerksam dorthin schauen,
kann etwas völlig anderes entstehen.
Etwas, das niemand angekündigt hat.
Etwas, das vielleicht sogar harmlos,
vernünftig, freundlich, vertraut
und womöglich sogar angenehm aussieht.
Das beschäftigt mich.
Warnungen lenken unseren Blick.
Und jede Blickrichtung bedeutet zugleich,
dass anderes aus unserem Sichtfeld verschwindet.
Liegt vielleicht genau darin ihre Begrenzung?
Warnungen müssen nicht falsch sein.
Doch selbst gut gemeinte Warnungen
können nur aus dem entstehen,
was bereits bekannt ist.
So wie unsere Angst.
Sie erinnert sich,
vergleicht,
sucht nach Ähnlichkeiten,
um uns zuzuflüstern:
„Achtung, ich kenne das.
Das ist damals nicht gut ausgegangen.“
Doch was ist mit dem,
was sie nicht kennt?
Und ich erinnere mich an diesen Satz:
„Ich seh dich schon fallen.“
Eine gut gemeinte Warnung.
Und doch war der Sturz manchmal
schon als Bild in die Zukunft gestellt.
Und dann frage ich:
Können Warnungen selbst Teil einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden?
Wenn wir Mangel erwarten,
beginnen wir anders zu handeln.
Wenn wir Misstrauen erwarten,
werden wir misstrauischer.
Wenn wir ständig mit Gefahr rechnen,
begegnen wir der Welt irgendwann wie einem gefährlichen Ort.
Und vielleicht verändern wir damit genau jene Zukunft,
die wir eigentlich nur vorhersehen wollten.
Doch auch die Warnung vor Warnungen
wäre wieder eine Warnung.
Auch ich lenke jetzt einen Blick.
Auch ich bringe meine Erfahrungen mit.
Meine Geschichten.
Meine Verletzungen.
Meine Hoffnungen.
Meine Bilder.
Und geht das überhaupt:
ohne vorgefertigte Meinung einfühlen?
Oder ist bereits dieser Wunsch
auch ein vorgefertigtes Gedankenmuster?
Was kann helfen?
Was kann schützen?
Vielleicht zuhören.
Auf allen Seiten.
Nicht nur davor,
sondern auch dahinter schauen.
Und Fragen stellen:
Woher kommt diese Warnung?
Auf welchen Erfahrungen beruht sie?
Was ist das Motiv?
Wem nützt welche Deutung?
Und was könnte ich gerade übersehen,
weil mein Blick bereits gelenkt wurde?
Denn Zukunft ist ein ungeschriebenes Blatt.
Vielleicht aber nur dann,
wenn wir dafür nicht das Papier verwenden,
auf dem sich das bisherige Schriftwerk
bereits durchgedrückt hat.
© Manuela Engel-Dahan
Waldphilosophin und Krisenwandlerin
Impulsgeberin für Mensch und Wirtschaft
#FormYourWorld
#FreigeistigeWaldgedanken
Die Sprache entschleunigt – im langsamen Begreifen gelangen die Dinge zur Klarheit. Manchmal erinnert die Diktion an die oft unterschätzten Gedichte Friedrich Nietzsches bewusstes Staunen statt Hast. Die Texte entschleunigen und führen vom persönlichen Erleben zu allgemein gültigen Einsichten.