Es braucht kein Selbstvertrauen, um Scheiben einzuschlagen oder sich in Geschäften zu bedienen.
Es braucht Selbstvertrauen, es nicht zu tun. Sich nicht mitreißen zu lassen. Der eigenen Wut und dem eigenen Zorn nicht auf Kosten anderer Luft zu verschaffen.
Als ich gestern von dem Angriff auf ein Waffengeschäft in Frankfurt erfuhr, war mein erster Gedanke:
Da hat man Handtaschen und Kosmetik besser verschanzt als Waffen.
Vielleicht war das Fachgeschäft besser versichert. Vielleicht fehlte das Budget für kurzfristige Schutzmaßnahmen aus Spanplatten. Vielleicht hatte man die Gefahr einfach unterschätzt. Ich weiß es nicht.
Aber dieser Gedanke führte mich zu einer ganz anderen Frage.
Was braucht ein Mensch, um sich nicht hinreißen zu lassen?
Mir fiel zunächst nur eines ein: Selbstvertrauen.
Das Vertrauen in die eigene Wirksamkeit. In die Fähigkeit, etwas verändern zu können. Auch dann, wenn die Welt gerade nicht so funktioniert, wie man es sich wünscht.
Ich führe viele Gespräche. Auch mit jungen Menschen. Und immer wieder begegne ich dabei einer Angst, die mich nachdenklich macht.
Der Angst vor morgen.
Der Angst, nichts mehr erreichen zu können. Zu spät dran zu sein. Keine wirkliche Chance mehr zu haben.
Und manchmal denke ich, dass dabei auf ziemlich hohem Niveau gejammert wird.
Natürlich gibt es wirkliche Not, Armut und existenzielle Sorgen. Darüber müssen wir sprechen. Aber wir sollten auch den Mut haben, zwischen tatsächlicher Not und enttäuschten Erwartungen zu unterscheiden.
Nicht jeder unerfüllte Wunsch ist eine Ungerechtigkeit. Nicht jede Enttäuschung bedeutet Aussichtslosigkeit.
Vielleicht haben wir irgendwo das Mittelmaß verloren.
Vielleicht haben wir verlernt, unsere Möglichkeiten realistisch einzuschätzen. Den aufrichtigen Blick auf das eigene Potenzial zu richten, statt uns ständig daran zu messen, was andere haben, können oder erreichen.
Und dazu gehört auch eine unbequeme Erkenntnis.
Ich kann nicht alles. Ich bekomme nicht alles. Ich bin nicht für alles verantwortlich.
Aber ich bin verantwortlich für das, was ich selbst tue. Und für das, was ich mit meiner eigenen Kraft bewirke.
Wer seine Energie darauf verwendet, andere zu verletzen, Dinge zu zerstören oder sich zu nehmen, was ihm nicht gehört, verändert damit vielleicht für einen kurzen Moment seine Gefühlslage.
Aber was bleibt danach?
Wird die Zukunft dadurch besser? Werden die eigenen Chancen größer? Wird aus der Wut plötzlich Zuversicht?
Oder richtet sich die Zerstörung am Ende auch gegen die eigenen Möglichkeiten?
Gestern habe ich über Wehrhaftigkeit geschrieben. Heute denke ich, dass es eine besondere Form der Wehrhaftigkeit braucht, um inmitten einer aufgebrachten Menge bei sich selbst zu bleiben.
Den Mut, nicht mitzumachen. Obwohl andere mitmachen.
Und den Mut, trotzdem für notwendige Veränderungen einzutreten.
Vielleicht braucht es manchmal tatsächlich eine Erschütterung. Einen Fehler im System, der uns zwingt, genauer hinzuschauen.
Aber muss dafür immer erst etwas zu Bruch gehen? Muss man andere beschimpfen oder verletzen, weil sie eine andere Meinung haben?
Was tut mir gut? Was brauche ich wirklich? Was kann ich selbst verändern? Und was muss ich vielleicht auch akzeptieren, weil es außerhalb meiner Möglichkeiten liegt?
Wir sprechen so viel davon, dass es uns an etwas fehlt. An Sicherheit, an Chancen, an Geld, an Perspektiven.
Vielleicht fehlt uns manchmal aber auch das richtige Maß.
Denn selbst Wasser, ohne das wir nicht leben könnten, kann uns in zu großen Mengen töten.
Zu viel des Guten ist eben nicht immer gut.
Vielleicht haben wir uns an ein Zuviel gewöhnt. An Erwartungen, Vergleiche, Ansprüche, Empörung und die Vorstellung, dass immer noch mehr möglich sein müsste.
Und darüber vergessen, wie viel wir bereits haben. Und vor allem, was wir selbst damit anfangen könnten.
Vielleicht sollten wir wieder lernen, das richtige Maß zu finden, bevor wir uns selbst darin ertränken.
Für mich beginnt Selbstvertrauen jedenfalls nicht mit der Überzeugung, alles schaffen zu können.
Sondern mit der Gewissheit, dass ich etwas bewirken kann. Mit meinen Möglichkeiten, meinen Fähigkeiten und meiner Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.
Das ist mein Rettungsschirm.
Und vielleicht ist genau das die Frage, die wir uns heute stellen sollten:
Warte ich darauf, dass sich die Welt für mich verändert? Oder vertraue ich mir selbst genug, um dort anzufangen, wo ich tatsächlich etwas bewegen kann?
Warum denn nicht. Mach doch.
© Manuela Engel-Dahan
Waldphilosophin und Krisenwandlerin
Impulsgeberin für Mensch und Wirtschaft
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Die Sprache entschleunigt – im langsamen Begreifen gelangen die Dinge zur Klarheit. Manchmal erinnert die Diktion an die oft unterschätzten Gedichte Friedrich Nietzsches bewusstes Staunen statt Hast. Die Texte entschleunigen und führen vom persönlichen Erleben zu allgemein gültigen Einsichten.