24. Oktober 2026

Die Nadel im Heuhaufen

Ich sehe was, was du nicht siehst.

Die Kuh knabbert ganz genüsslich an ihrem dargereichten Futter und mir fällt nichts anderes ein, als nach der Nadel im Heuhaufen zu suchen.

Vielleicht schaut sie mich deshalb auch so entgeistert an.
Sie will einfach nur in Ruhe fressen und ich versuche, sie mit meinen mehr oder weniger gelungenen Muh-Rufen dazu zu bewegen, sich für mein Foto ein bisschen besser in Pose zu stellen.

Und während sie unbeeindruckt weiterkaut, frage ich mich, warum ich eigentlich ständig nach irgendwelchen Mustern suche.

Warum muss ich immer alles mit dem Leben und unserer Gesellschaft vergleichen, sobald mich das Fotografier-Fieber übermannt?

Kann nicht einfach mal eine Kuh eine Kuh sein?
Offenbar nicht.
Denn schon bin ich wieder mittendrin in meinen Gedanken.

Gibt es vielleicht gar keinen tieferen Sinn hinter all den Geschehnissen? Oder bekommt tatsächlich jeder das, was er gerade braucht, auch wenn es ganz und gar nicht das ist, wonach er sich sehnt?

Wenn jeder bekommt, was er braucht, dann haben wir Menschen offensichtlich noch ziemlich viel zu lernen.
Denn momentan bekommen wir ja einiges auf den Kopf.
Oder besser gesagt, auf unsere Geschäfte, unsere Fußgängerzonen, unsere Lebensgewohnheiten und zunehmend auch auf unser Sicherheitsgefühl.

Und schon wieder wird gewarnt. Diesmal vor dem 31. Oktober.
Was wird uns da erwarten?
Ich weiß es nicht.

Und dann lese ich auch noch von einem Kindergarten, der angeblich seinen St.-Martins-Umzug absagen will. Aus Rücksicht auf andere Kulturen und Religionen.

Stimmt das überhaupt oder soll hier nur wieder Empörung geschürt werden?
Und wenn es stimmt, warum ausgerechnet Sankt Martin?

Der Mann, der seinen Mantel mit einem frierenden Menschen teilte. Der nicht fragte, woher dieser Mensch kam, woran er glaubte oder ob er zu seiner eigenen Gemeinschaft gehörte.
Er sah jemanden, der Hilfe brauchte, und half.
Ist das nicht eigentlich die schönste Botschaft, die wir unseren Kindern mitgeben können?
Und warum sollte ausgerechnet diese Geschichte jemanden ausgrenzen?

Da frage ich mich, wann wir eigentlich angefangen haben, Toleranz mit dem Verzicht auf die eigenen Traditionen zu verwechseln.

Warum glauben wir, Rücksicht nehmen zu müssen, indem wir das Eigene zurückstellen, statt andere einzuladen, daran teilzuhaben?

Wir können doch unsere Bräuche pflegen und gleichzeitig offen sein für die Bräuche anderer.
Das eine schließt das andere doch nicht aus.
Oder haben wir inzwischen so viel Angst davor, etwas falsch zu machen, dass wir lieber gleich auf alles verzichten?

Und damit bin ich wieder bei meiner Nadel im Heuhaufen.
Vielleicht sollten wir tatsächlich viel öfter nach den Ursachen suchen, statt mit erhobenem Finger unsere Warnungen und gut gemeinten Ratschläge aufs Tapet zu legen.

Warum ist so viel Frust in unserer Gesellschaft?
Warum ist so viel Angst in unserer Gesellschaft?
Und warum glauben wir eigentlich, dass wir Konflikte vermeiden können, indem wir ihnen aus dem Weg gehen?

Natürlich ist nicht alles, was uns widerfährt, die Folge unserer eigenen Entscheidungen. Manchmal müssen wir auch das ausbaden, was andere entschieden haben.

Aber sollten wir nicht wenigstens den Mut haben, zu hinterfragen, wohin uns unsere Entscheidungen führen?

Es hilft nichts, sich zu verstecken.
Es hilft nichts, sich kleinzumachen.
Es hilft auch nichts, auf alles zu verzichten, in der Hoffnung, dass man uns irgendwann für unsere Toleranz lobpreist.

Aus meiner Sicht hilft nur eines:

Tief einatmen, Schultern zurück und standhaft bleiben.
Zu den eigenen Errungenschaften stehen, stolz sein auf unsere Kultur, unsere Traditionen und unsere Werte.
Und gleichzeitig den anderen sein lassen, wie er ist.
Denn Respekt bedeutet doch nicht, dass einer sich aufgeben muss, damit der andere sich wohlfühlt.

Wer Entscheidungen aus Angst statt aus Vernunft trifft, läuft Gefahr, mit diesen angstgetriebenen Entscheidungen genau das zu verursachen, was er eigentlich vermeiden wollte.

Selbstaufgabe führt nicht automatisch zu respektvoller Behandlung.
Ganz im Gegenteil. Nicht selten wird sie als Schwäche ausgelegt.

Wer selbst nicht mehr weiß, wofür er steht, wie soll er dann anderen vermitteln, was ihm wichtig ist?

Wir leben in einer Zeit, in der die Angst viele unserer Gedanken und Entscheidungen bestimmt.
Die Angst vor Veränderungen, vor Konflikten, vor Ablehnung, vor dem, was morgen kommen könnte.
Und manchmal sogar die Angst davor, einfach das zu bleiben, was wir sind.

Doch vielleicht müssen wir gerade deshalb wieder lernen, genauer hinzuschauen.
Nicht alles glauben, was uns erzählt wird.
Nicht jeder Warnung blind folgen.
Nicht jedes Problem mit einem Verbot lösen wollen.

Und vor allem nicht aufhören, selbst zu denken.
Oder vielleicht sollten wir auch wieder lernen, mehr zu fühlen.
Uns einzufühlen. Hinzuspüren, was etwas mit uns macht.
Und dann herauszufinden, ob unser Gefühl uns gerade etwas sagen will oder ob uns einfach nur die Angst im Nacken sitzt.

Ja, mach mal,
vermeine ich die Kuh zu hören.

Oder geht meine Fantasie gerade wieder mit mir durch?

Wer weiß das schon.


© Manuela Engel-Dahan
Waldphilosophin und Krisenwandlerin
Impulsgeberin für Mensch und Wirtschaft

#FormYourWorld
#FreigeistigeWaldgedanken
#MutZumSelbstdenken
#MiteinanderStattGegeneinander

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