Mit Sonnenuntergang hat das jüdische Jahr 5787 begonnen.
Rosh Hashanah.
Man wünscht sich ein gutes und süßes neues Jahr, blickt zurück, dankt für das, was war, und es beginnen die zehn Tage der Besinnung und Umkehr bis Jom Kippur.
Nach jüdischer Tradition wird an Rosh Hashanah das Urteil für das kommende Jahr eingeschrieben und an Jom Kippur besiegelt.
Und da war sie plötzlich wieder, diese Frage:
Wie wird eigentlich unsere Zukunft entschieden?
Ich frage mich das gerade oft.
Vielleicht auch deshalb, weil ich vor Kurzem das Manuskript für ein weiteres Buch abgegeben habe:
„Heute rollt ihr Kopf“ – Geschichten aus meinem Unternehmerinnenleben.
Beim Schreiben kam immer wieder die Frage:
Was wäre gewesen, wenn ich damals gewusst hätte, was passieren würde?
Was wäre gewesen, wenn ich meine Zukunft nach meinen Wünschen und Träumen hätte gestalten können?
Wäre alles anders gekommen?
Ich glaube: Ja. Und gleichzeitig nein.
Ich glaube daran, dass wir vieles schöpfen und erschaffen können.
Aber eben nicht alles.
Denn ich kann nur für mich denken, fühlen, sprechen und handeln.
Alles, was geschieht, hat für jeden Menschen seine eigene Bedeutung. Ich kann nicht für einen anderen fühlen. Ich kann nicht für ihn entscheiden und ich kann seine Veränderung nicht bewirken.
Ich kann vielleicht etwas beleuchten.
Einen Gedanken anstoßen.
Eine Tür zeigen.
Eine Hand reichen.
Aber hindurchgehen muss der andere selbst.
Und genau das kann schmerzhaft sein.
Besonders dann, wenn es Menschen sind, die uns nahestehen. Menschen, die uns viel bedeuten, die wir schätzen oder lieben.
Dann möchten wir manchmal helfen, schützen, bewahren. Vielleicht wünschen wir uns, dass der andere etwas erkennt, anders entscheidet oder einen Weg nicht geht, von dem wir glauben, dass er ihm wehtun wird.
Aber auch Liebe gibt uns nicht die Möglichkeit, das Leben eines anderen zu leben.
Und da ist sie wieder, diese vielleicht schwerste Aufgabe im Leben, wie ich meine:
Lieben heißt loslassen.
Es heißt, wohlwollend geschehen zu lassen, auch wenn wir selbst andere Vorstellungen haben.
Nahe zu bleiben, ohne festzuhalten.
Zu vertrauen, ohne kontrollieren zu wollen.
Und vielleicht gilt genau das auch für die Liebe zu unserem eigenen Leben.
Denn wenn wir unser Leben lieben, dann bedeutet auch das, anzunehmen, was ist und was geschieht.
Nicht, weil uns alles gefallen muss.
Nicht, weil alles richtig ist.
Und schon gar nicht, weil wir alles hinnehmen sollen.
Sondern weil wir erst dann entscheiden können, was wir selbst daraus machen.
Vielleicht ist das die Gelassenheit, die uns irgendwann wieder Zuversicht schenkt.
Die Zuversicht, dass auch das, was wir uns niemals ausgesucht hätten, Teil unseres Weges werden kann.
Nicht alles ist angenehm.
Manches tut weh.
Und vielleicht gehört auch Schmerz zum Wachstum.
In einem Gespräch in der vergangenen Woche kam mir dazu ein Bild:
Verspürt ein Samenkorn Schmerz, wenn seine Hülle aufbricht, damit sich das Leben in ihm entfalten kann?
Tut es weh, wenn der erste Trieb sich durch die dunkle Erde schiebt, um ans Licht zu gelangen?
Ich weiß es nicht.
Aber vielleicht ist unser Leben manchmal genauso.
Ein immerwährender Kreislauf aus Freude, Schmerz, Veränderung und Erkenntnis.
Und vielleicht können wir nicht bestimmen, was uns alles begegnen wird.
Aber wir können entscheiden, wie wir damit umgehen.
Was wir daraus lernen.
Was wir verändern.
Was wir annehmen.
Und wer wir darin sein wollen.
Vielleicht können wir unsere Zukunft also nicht einfach nach unseren Wünschen erschaffen.
Aber wir können sehr wohl an ihr mitwirken.
Jeden Tag.
Mit dem, was wir denken, fühlen, sprechen und tun.
Ich wünsche jedem, der diese Zeilen liest, und auch all denen, die niemals wissen werden, dass ich sie geschrieben habe, dass sie ihren Weg finden.
Dass sie ihr Leben lieben können.
Nicht nur dann, wenn es leicht ist.
Sondern als Ganzes.
Und dass sie darin immer wieder das Licht finden, zu dem sie wachsen wollen.
Shanah Tovah u’Metukah.
Ein gutes und süßes Jahr möge es sein.
Amen.
© Manuela Engel-Dahan
Waldphilosophin und Krisenwandlerin
Impulsgeberin für Mensch und Wirtschaft
#FormYourWorld
#ShanaTova #RoshHashanah #5787 #Gelassenheit
P.S. Der Granatapfel gehört zu Rosh Hashanah auf die Festtafel. Da habe ich ihn fotografiert. Gemeinsam mit Äpfeln und Honig steht er für die Wünsche und Hoffnungen, mit denen das neue Jahr begrüßt wird: für Süße, Fülle und Segen.
Weitere Gedanken hierzu und zu vielen anderen Fragen des Lebens findet ihr bei Form Your World unter „Waldgedanken“.
Die Sprache entschleunigt – im langsamen Begreifen gelangen die Dinge zur Klarheit. Manchmal erinnert die Diktion an die oft unterschätzten Gedichte Friedrich Nietzsches bewusstes Staunen statt Hast. Die Texte entschleunigen und führen vom persönlichen Erleben zu allgemein gültigen Einsichten.