Ich war wieder im Altenheim.
Dort lese ich meine Gedanken aus dem Wald vor.
Nicht immer kommen sie so an,
wie ich es mir vorstelle.
Manchmal führen sie die Zuhörenden in eigene Gefilde,
in ihre Fantasiewelten, in Erinnerungen,
die nicht loslassen.
Oft höre ich Sätze wie:
„Ich will nach Hause.“
„Wer bringt mich zurück in meine Wohnung?“
Es gibt darauf keine tröstenden Antworten.
Altwerden ist nicht für jeden schön.
Manchmal bin ich nur
„die Schwester da vorne“,
manchmal ruft jemand "Danke, es reicht jetzt."
Und manchmal führe ich intensive Gespräche.
Ein solches hatte ich mit einer Frau,
die über hundert Jahre Leben bewältigt hat.
Sie war so wach und klar in ihrer Formulierung.
Doch Trost, das spürte ich,
kann ich nicht spenden.
Es bleibt oft nur die stille Zustimmung,
die Anteilnahme, das Mitfühlen.
„Ich möchte gehen“, flüsterte sie.
Sie erzählte von ihrem langen Leben,
von den Jahren mit ihrem Mann,
der sie einst nach dem Krieg gerettet hatte,
von den Schrecken, dem Leid und den Gräueln,
die ihr angetan wurden.
Alles andere, sagte sie, sei verblasst.
Auch der Weg zu Gott.
„Hier gibt es nur noch Leere“,
flüstert sie.
Und dann nur noch ein leises
„Bitte, bitte, bitte …“
wie Glassplitter aus einem zerbrochenen Bild,
das jetzt nicht mehr wichtig ist.
Ich las ihr Texte vor,
die ich nach Begegnungen
mit anderen Menschen geschrieben hatte:
von Traurigkeit, von Wut,
von Sehnsucht nach Selbstbestimmung und
vom Zweifel im Glauben.
Sie nickte, sagte leise: „Ja, das fühle ich auch.“
Wie kann man Trost spenden,
wenn das Bedürfnis nach etwas so groß ist,
das nicht mehr zu erreichen ist?
Wie Fröhlichkeit vermitteln,
wenn die Gedanken im Nebel verweilen?
In solchen Momenten spüre ich:
Das Sterben hat, wie das Leben,
seinen eigenen Rhythmus.
Der Zwischenraum wird gefüllt mit Erinnerungen,
vielleicht, um den Abschied zu erleichtern.
Liebe und Verlust liegen nah beieinander.
Es liegt eine seltsame Schönheit in der Traurigkeit,
die uns erinnert, wie kostbar die Momente sind,
die wir hatten.
Im Wald höre ich das Flüstern:
Es gibt in der Einsamkeit einen Raum für Erinnerungen.
Und vielleicht ist das der Schlüssel,
die Erkenntnis, dass das, was wir verloren haben,
zwar nicht mehr sichtbar ist,
aber immer noch Teil von uns bleibt.
Bevor ich gehe, sagt sie:
„Ein Lichtblick für mich.“
Und das ist besonders schön,
denn sie ist blind.
Vielleicht braucht es Geduld,
um die richtige Zeit des Loslassens zu finden.
Vielleicht ist das wertvollste Geschenk,
das wir geben können, einfach dazubleiben,
bis der Moment kommt.
Auch wenn man nicht die richtigen Worte hat.
Denn manchmal gibt es sie nicht.
Manuela Engel-Dahan
WaldPhilosophin | Entspannungstrainerin | Stress- und Burnout-Coach
Im Wald gefühlt. Ins Leben geschrieben.
Die Sprache entschleunigt – im langsamen Begreifen gelangen die Dinge zur Klarheit. Manchmal erinnert die Diktion an die oft unterschätzten Gedichte Friedrich Nietzsches bewusstes Staunen statt Hast. Die Texte entschleunigen und führen vom persönlichen Erleben zu allgemein gültigen Einsichten.