Zurück in die Leichtigkeit
Unser treuer Hund Eloy ist gebrechlich geworden. Eines lerne ich von ihm: Er klagt nicht, er jammert nicht, er macht einfach weiter. Es fällt ihm schwer, aufzustehen, zu laufen, sich hinzulegen. Er lässt sich in Zeitlupe nieder, weil jedes Gelenk schmerzt, und die Medikation kann nur noch sanft begleiten. „Es wird der Tag kommen, an dem Sie Abschied nehmen müssen.“ Dieser Satz steht im Raum.
Wir wollen uns einfühlen, um zu erkennen, wann es Zeit ist. Es ist nicht leicht, und doch lenkt mich dieser Blick auf ihn auch in die täglichen Nachrichten, in den Umgang mit dem Loslassen, in das Anerkennen, dass nicht mehr alles so funktioniert wie gewohnt.
In seiner stillen Art lehrt er mich, was es heißt, Schmerz anzuerkennen, ohne in Anklage zu gehen und ohne Drama um sich selbst zu machen. Es gibt eine hebräische Redewendung: „Se ma jesh.“ Es ist, wie es ist.
Für mich bedeutet das nicht, nichts zu tun oder zu erdulden, sondern anzuerkennen, dass ich Vergangenes nicht mehr ändern kann, dass es Grenzen gibt und dass meine Verantwortung dort beginnt, wo ich im Jetzt handeln kann.
Und Eloy, trotz seiner Beschwerden und körperlichen Einschränkungen, rafft sich auf und will täglich in den Kurpark. Waldwege schafft er nicht mehr. Es heißt, er will seine „Zeitung lesen“. Und dabei ist er zufrieden und entspannt. Auch regt er sich nicht mehr über andere Hunde auf. Daran will ich mir ein Beispiel nehmen, besonders im Umgang mit den Nachrichten. Interesse ohne Anklagen.
Ich möchte mich nicht mehr aufregen, will sie nicht mehr lesen, diese Schuldzuschreibungs-Berichte. Ja, ich ertappe mich dabei, wie ich mit anstecke, infiziere, als sei es ein Gedanken-Virus, innerlich selbst Urteile verteile. Die da oben, die da drüben, die dort im Land, in der anderen Partei, diejenigen im Ausland, die, ich weiß nicht wo, vielleicht demnächst auch aus dem Weltall oder die KI … eben die, die Schuld haben sollen.
Es gibt so kluge Kommentare, sicher. Doch ich will mir guttun, statt Schuld zuteilen, und so mir schieben sich immer wieder die Gedanken davor, dass jeder große Krieg von vielen kleinen inneren Kriegen genährt wird, auch von meinen. Ich will mich davor schützen, mich zurückführen in die Zuversicht, statt in die Bemitleidung.
Ich kenne Selbstmitleid sehr gut. Ich kann ganze Romane darüber erzählen, wie ungerecht die Welt ist, wie viel ich schon getragen habe, wie wenig gesehen wird, wie oft andere im Unrecht sind. Ich war diejenige, die jedes Versprechen einhalten wollte. Und wenn der andere es nicht tat, übernahm ich das auch noch. Und dann genau das passierte: Ich übernahm mich.
Wir können nicht jeden Fehler wieder gutmachen, allenfalls kaschieren. Doch wem hilft das?
Vielleicht wird für mich alles leichter, wenn ich anerkenne, dass Selbstmitleid wie ein weiches Sofa ist, auf dem ich zwar sehr bequem sitze, aber nicht vorankomme, sondern darin versinke und mir jegliche Kraft geraubt wird. Es ist wie zurück auf Start, ohne über Los zu gehen. Ich drehe mich im Kreis und wundere mich, warum sich nichts ändert.
Vielleicht wird es friedlicher in mir, wenn ich mir eingestehe, dass ich nicht vollkommen bin, auch dann nicht, wenn ich im Recht bin. Vielleicht beginnt Eigenverantwortung dort, wo ich aufhöre, auf andere zu zeigen und mich frage: Wo halte ich fest, obwohl ich längst loslassen könnte? Wo nähre ich mein eigenes Drama mit Gedanken, die mir nicht guttun? Wo erzähle ich mir die Geschichte, dass ich ausgeliefert bin, obwohl ich längst neue Entscheidungen treffen könnte?
Vielleicht wird alles ehrlicher, wenn ich zugebe, dass ich manchmal lieber anklage, statt hinzufühlen. Denn fühlen tut weh, und Anklage lenkt ab. Doch Anklage macht schwer. Sie lädt Last auf meine Schultern, die ich zwar tragen kann, die aber zu nichts führt, außer zu noch mehr Trennung in mir und zwischen uns Menschen.
Vielleicht ist es an der Zeit, zurückzugehen. Nicht zurück in alte Wunden, sondern zurück zu mir, in mich hinein. Zurück in die Eigenverantwortung, weil ich nur hier meine Kraft wiederfinde. Zurück in das Vertrauen, dass ich mit dem, was das Leben mir hinlegt, wachsen kann. Zurück in eine Unbeschwertheit, die nicht naiv ist, wie man es einst gelehrt und vorgebetet hat, sondern in das, was wirklich zählt: Ich muss nicht alles kontrollieren, ich muss mich nicht kasteien, ich darf loslassen, was nicht mehr zu mir gehört.
Vielleicht beginnt Leichtigkeit genau dort, wo ich mir erlaube, mich nicht länger über meine Verletzungen zu definieren, selbst oder fremd verursacht, sondern über meine Fähigkeit, sie zu wandeln. Und vielleicht ist es dann gar nicht mehr so wichtig, wer angefangen hat.
Vielleicht ist wichtiger, wer bereit ist, als Erste oder Erster aus dem inneren und äußeren Krieg auszusteigen. Wir reden von Emissionen, von CO₂-Reduktion und Klimazielen, während an anderer Stelle Rauchschwaden den Himmel verdunkeln, die von Bomben und Raketen stammen.
Wir mischen Kühen Futterzusätze bei, um Methan zu mindern, während die Böden von Munition geschwärzt werden, und ich frage mich, was davon alles in unseren Ozeanen landet. Und auch: Wann beginnen wir, den grundlegenden Emissionswerte zu prüfen und dessen Ausstoß zu verringern: den unserer Angst, unserer Wut, unserer Schuldzuweisungen?
Vielleicht ist es Zeit, unseren eigenen CO₂-Fußabdruck im Denken zu prüfen, weniger heiße Luft, mehr Bewusstsein.
Vielleicht ist wichtiger, wer bereit ist, als Erste oder Erster aus dem inneren und äußeren Krieg auszusteigen. Sind Kriegsgegner nicht gleichermaßen Kriegstreiber statt Friedenskämpfer?
Jetzt bin ich in Gedanken weit gereist.
Wie ist es bei dir? Wo hält dich dein Selbstmitleid fest? Wo könntest du zurück auf Start gehen, um die Leichtigkeit zu leben und eine neue Chance zu leben?
Zurück zu dir. Zurück in deine Verantwortung. Zurück in dein Vertrauen. Zurück in die Leichtigkeit, die schon auf dich wartet, wenn du die alten Geschichten endlich loslässt.
Loslassen befreit, macht leicht und lässt Wunder geschehen. Ich habe es selbst erfahren. Nicht sofort, nicht auf Bestellung, sondern plötzlich ist es da, wenn man es am meisten braucht und am wenigsten erwartet. Ein Versuch kann jedenfalls nicht schaden.
© Manuela Engel-Dahan
Ex-Multi-Unternehmerin · Schriftstellerin und Waldphilosophin
Krisenwandlerin für mehr Vertrauen und Leichtigkeit im Leben
#ZurückInDieLeichtigkeit #Eigenverantwortung #LoslassenLerntMan #SelbstmitleidLoslassen #FriedenBeginntInMir #FreigeistigeWaldgedanken #Waldphilosophin #Krisenwandlerin #MutUndLeichtigkeit #FormYourWorld
Die Sprache entschleunigt – im langsamen Begreifen gelangen die Dinge zur Klarheit. Manchmal erinnert die Diktion an die oft unterschätzten Gedichte Friedrich Nietzsches bewusstes Staunen statt Hast. Die Texte entschleunigen und führen vom persönlichen Erleben zu allgemein gültigen Einsichten.