02. Februar 2026

Wenn das Herzblut steigt

Vorsicht! Sehr verrückter Geburtstagsgruß!

Mein lieber Baum, sag mal, fröstelt dir? Oder fühle ich da eine zarte Verlegenheit? Gestern noch warst du unter diesem schweren, weißen Prachtgewand verborgen. Wie ein majestätisches Winterkleid mit eingewebter Struktur. Doch heute sehe ich, was passiert ist: Du hast dich bereits befreit, obwohl es mir im Außen recht frostig erscheint. Konntest du es nicht mehr erwarten? Hat dir die Sonne den Kopf verdreht? Oder willst du ihn ganz verwegen herbeirufen, den Frühling?

Mir scheint, du hast den Saft des Lebens, dein ganz persönliches Herzblut, leise gerufen, damit es zu dir hinauffließt. Aus den tiefen Wurzeln, aus dem Schatten hinauf in den Stamm, dort bereit für Wachstum. Eine warme Flut von Lust und Liebe ans Licht. Und diese innere Glut war so stark, dass sie dein schönes Kleid aus weißem Himmelsglück einfach von innen heraus zum Schmelzen gebracht hat.

Oder musste das Weiß etwa weichen, weil dein Inneres nach Berührung verlangte. Du hast dich ausgezogen, weil du dich jetzt zeigen willst, weil du dich auf eine Umarmung freust. Die Schneeflocken, die dich gestern noch schützend und kühl umschlossen haben, sind nun dahingeschmolzen, im Angesicht deiner Schönheit. 

Sind es Freudestränen, die an deinem Stamm herabsickern? Zur Feier des Tages, denn es ist dein Geburtstag, Tu BiSchwat, das Neujahr der Bäume. Und deshalb hat sich der Schnee wie Champagnerschaum dir zu Ehren in den Boden begeben, damit du trinken darfst. Und nun kann ich dich auch umarmen. Gestern, muss ich gestehen, hielt mich dein dicker weißer Panzer zurück.

Sag mir, brennt es ein bisschen in den Zweigen, wenn das Leben zurückkehrt? Wie ein Körperteil, das mangels Bewegung eingeschlafen ist und dann kribbelt, wenn das Blut wieder in Bewegung kommt, um Nerven und Muskeln zu versorgen. Ist dieses Schmelzen deiner weißen Rüstung wie ein tiefes Ausatmen nach einer langen Nacht oder einem Winterschlaf? Das leise Flüstern der Vögel klingt fast wie eine Bestätigung in meinen Ohren.

Und während ich so über dein Ausziehen sinniere, muss ich schmunzeln. Wir Menschen nennen es oft Mut, wenn wir uns zeigen. Bei dir ist es etwas anderes: Du inszenierst nichts. Es ist ein stilles Folgen.

Und nun stehe ich hier und erinnere mich, dass ich gelesen habe: Du, lieber Baum, könntest auch zählen. Die Tage, die 15 Grad bringen. Und wenn du genug gezählt hast, dann zeigst du uns deine neue Frühlingskollektion. Ich bin schon gespannt.

Doch zuvor braucht es das, was du uns lehrst: das Einfühlen und Warten auf den richtigen Moment.

Herzlichen Glückwunsch zum Neujahrstag der Bäume, du weiser Hüter des Waldes.


Manuela Engel-Dahan
Waldphilosophin und Krisenwandlerin


#FormYourWorld
#freigeistigewaldgedanken

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Buchbesprechung von Gerhard Charles Rump (postume Veröffentlichung, 08.08.2020) zu Freigeistige Waldgedanken – Band 1.
Die Sprache entschleunigt – im langsamen Begreifen gelangen die Dinge zur Klarheit. Manchmal erinnert die Diktion an die oft unterschätzten Gedichte Friedrich Nietzsches bewusstes Staunen statt Hast. Die Texte entschleunigen und führen vom persönlichen Erleben zu allgemein gültigen Einsichten.
— Gerhard Charles Rump (1947–2020), Kunsthistoriker und -theoretiker mit Schwerpunkt zeitgenössische Kunst; Privatdozent an der TU Berlin, Kurator, Galerist und Fotokünstler.
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