09. Juli 2021

Von Disteln

Manchmal trügt der Schein ...

Disteln hinter Stacheldraht
reihen sich vor mir auf und
die ersten Blüten haben
die Kapseln bereits mit ihren
zarten, lila Härchen aufgesprengt
und recken sich forsch in die Höh.

Wenn ich mir diese
schönen Disteln betrachte,
dann erinnere ich mich an
jene herrlichen Disteln auf Rügen
über die ich schrieb,
weil ich sie früher als
ungewolltes Unkraut
aus dem Boden riss …
… und wieviel Schönheit oft
im Verborgenen liegt und nur
Geduld und Aufmerksamkeit
diese entdecken und
auch wahrnehmen können.

So auch bei Menschen …
zu oft wird man geblendet von
lieb und nett und ruht
sich aus in Oberflächlichkeit
statt mal „Unbequemes“
zu hinterfragen.

Ja, es stimmt,
Aufrichtigkeit fühlt sich
nicht immer nett und lieb an,
hier und da eher
dornig oder stachelig.

Es ist auch nicht bequem
zu prüfen,
ob etwas ehrlich gemeint ist.
Es verlangt einiges ab,
wenn man den Unterschied
von Mitleid und Mitgefühl
ergründen will und dazu
mögliche Konsequenzen fürchtet,
diese womöglich durchleben muss.

Es stimmt,
Authentizität ist nicht immer
lieb und nett,
dafür facettenreich und bringt weiter
als das Verharren in einer
dieser Komfortzonen,
die bei näherem Hinsehen
doch nicht komfortabel sind,
wenn sie auf Mitleid gründen.

Mitleid haben,
heißt mitleiden,
heißt aufopfern.

Mitgefühl haben,
heißt mit Gefühl
entscheiden und handeln,
das schafft Klarheit,
das schenkt und bietet
gleichermaßen Raum,
den jede Seele
zum Entwickeln braucht.

Mitfühlen heißt auch wertschätzen
und was gibt es Schöneres,
als jeden so anzunehmen,
wie er ist?
Dich, mich,
jeden nächsten Menschen.

Ich will mehr Tiefe im Leben,
will nicht lieb und nett
geheißen werden,
sondern echt und deshalb verlässlich
ohne Angst vor Veränderung,
will echte Menschen
um mich haben,
will frei denken und
Gedanken auch in Worte fassen
und sie laut aussprechen,
will zu meiner Meinung stehen,
will Unaufrichtigkeiten benennen,
will mich distanzieren von allem,
was mich aus meiner Mitte holt,
will mein Bestes geben und
will jene Menschen,
die lieb und nett sind,
aus einer Erwartungshaltung heraus,
diese womöglich mit
Forderungen verknüpfen
und Ultimaten anhängen,
ihre eigenen Wege gehen lassen.

Ich will mich verbal reiben,
mich geistig austauschen,
diskutieren und alle Chancen und
Herausforderungen annehmen,
die das Leben mir vor die Füße wirft.
Ich will schwach sein und stark,
will beweisen,
dass meine Visionen wahr werden und
Ideen in der Umsetzung
auch funktionieren und
Mehrwert oder Freude bringen.

Danke dir,
du wunderschöne Distel für
deine Botschaft an mich.
 

© Manuela Engel-Dahan

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Buchbesprechung von Gerhard Charles Rump (postume Veröffentlichung, 08.08.2020) zu Freigeistige Waldgedanken – Band 1.
Die Sprache entschleunigt – im langsamen Begreifen gelangen die Dinge zur Klarheit. Manchmal erinnert die Diktion an die oft unterschätzten Gedichte Friedrich Nietzsches bewusstes Staunen statt Hast. Die Texte entschleunigen und führen vom persönlichen Erleben zu allgemein gültigen Einsichten.
— Gerhard Charles Rump (1947–2020), Kunsthistoriker und -theoretiker mit Schwerpunkt zeitgenössische Kunst; Privatdozent an der TU Berlin, Kurator, Galerist und Fotokünstler.
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