Es mehren sich die Tage, an denen nichts mehr ist, wie es war.
Und vielleicht ist noch verstörender, dass kaum noch etwas eindeutig als wahr zu erkennen ist.
Als sei die Zeit selbst eine sich windende Schlange, die vor unseren Augen emporsteigt und ebenso plötzlich wieder im Nichts verschwindet.
Vielleicht ist es auch dieses soziale Medienrauschen, das uns einsaugt und vereinnahmt, bis wir selbst nicht mehr wissen, wonach wir suchen, warum wir noch hinschauen und was davon überhaupt noch wahr ist.
Zu viele Bilder.
Zu viele Stimmen.
Zu viele Erklärungen.
Zu viele Menschen, die etwas wissen wollen.
Zu viele Menschen, die wissen, was niemand weiß.
Und irgendwann spürt man, dass nicht nur die Welt unklar wird, sondern auch man selbst in einen geistigen Nebel gerät.
Dann taucht diese Ungewissheit auf:
Ist das, was ich fühle, überhaupt richtig?
Ich glaube, solche Fragen werden besonders laut, wenn das Außen uns erschöpft.
Wenn zu viel auf uns einströmt.
Wenn sich die Dinge überschlagen.
Wenn die Wirklichkeit selbst wie ein flackerndes Bild wirkt, das ständig seine Form verändert.
Eine optische Täuschung.
Eine Fatamorgana.
Und man fragt sich längst, was noch echt ist und was schon künstlich erzeugt wurde.
Ich habe dazu eine Empfindung aus dem Wald.
Wenn der Wind von allen Seiten kommt, wenn das Rauschen alles überlagert und der Regen mir ins Gesicht peitscht, dann bleibt plötzlich nicht mehr viel übrig von all den Gedanken, Einschätzungen und inneren Gesprächen.
Dann ist da nur noch mein Körper.
Ich spüre die Kälte.
Die Nässe.
Den Wind auf der Haut.
Ich fröstle.
Meine Haut reagiert.
Mein Körper weiß, dass er da ist.
Und die Kleidung und die Schuhe erinnern mich daran,
dass ich es bin, die das Gewicht trägt.
Vielleicht ist das der Anfang von Wahrheit.
Vielleicht braucht es Abstand von Schlagzeilen, weil sie uns schlagen und verletzen können.
Vielleicht braucht es Abstand von Meinungen, weil auch sie so oft nach Schuldigen suchen, bezichtigen und verunglimpfen.
Und vielleicht ist es besser, nicht jedes Bild anzuschauen, wenn wir doch nichts ändern können, obwohl es eine grausame Botschaft trägt.
Vielleicht beginnt Wahrheit immer in uns selbst.
Im eigenen Spüren.
Im Wahrnehmen der feinen Nuancen.
Im Ernstnehmen dessen, was uns unser Innerstes mitteilen will über Wohlsein oder Unwohlsein.
Vielleicht ist genau das die Übung dieser Zeit:
für sich selbst zu erkennen, was jetzt wirklich wichtig ist.
Zu erkennen, welches Thema gerade wirklich in die eigene Hand gehört.
Zu erkennen, was an Aufgaben jetzt getan werden muss.
Und ebenso zu erkennen, was, so wahr oder unwahr es auch sein mag, von uns in diesem Moment gar nicht verändert werden kann.
Es gibt Ereignisse, die lassen sich nicht durch Grübeln erlösen.
Es gibt Wahrheiten, die wir nicht erzwingen können.
Es gibt Entwicklungen, die durch unsere Erschöpfung nicht besser werden.
Vielleicht ist es deshalb kein Rückzug, wenn wir uns schonen.
Vielleicht ist es Weisheit.
Ich merke, dass ich mir in solchen Zeiten einen schützenden Bann aussprechen möchte, damit ich mich nicht verliere im Spiegelkabinett aus Deutungen, Vermutungen, Befürchtungen, Prognosen, Beschwörungen, Verurteilungen, Besserwisserei und all den selbsternannten Aufklärern.
Ich will bei mir bleiben.
Ich will mich verschonen.
Ich habe mit meinen Aufgaben bereits genug zu tun.
Vielleicht ist das der einzige Schutz, der bleibt, wenn alles wankt.
Der Rückzug in die innere Mitte.
In das eigene Herz.
Und vielleicht genügt das für einen Moment schon, um durchzuatmen und Ruhe zu finden.
Möge sich alles zum Guten fügen, was noch nicht am Platz ist.
Und mögen Unschuldige befreit werden, damit auch sie wieder in der Lage sind, sich selbst zu fühlen und für sich zu entscheiden, wie sie leben möchten.
© Manuela Engel-Dahan
Waldphilosophin | Krisenwandlerin | Autorin
Impulsgeberin für Mensch & Wirtschaft
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Die Sprache entschleunigt – im langsamen Begreifen gelangen die Dinge zur Klarheit. Manchmal erinnert die Diktion an die oft unterschätzten Gedichte Friedrich Nietzsches bewusstes Staunen statt Hast. Die Texte entschleunigen und führen vom persönlichen Erleben zu allgemein gültigen Einsichten.