Tiefes Einatmen
Im Teich, unter der dicken Eisschicht, sehe ich die leuchtenden Schatten der Goldfische. Sie bewegen sich langsam, als wären sie Apnoetaucher.
Und während ich ihnen nachschaue, kommt mir der Gedanke, dass das auch für andere Tiere gilt. Sie tauchen ganz tief ein in ihre Winterträume, ganz frei, ohne Angst, ohne Hast.
Nur ruhen und warten, bis die Natur sie wieder ruft.
Sie nehmen einen tiefen Atemzug aus dem pulsierenden Leben und tauchen ein.
Und wenn der Mensch ruht und schläft, ist es nicht genauso. Auch wir tauchen, jede Nacht, in unsere inneren Gewässer. Ohne Hast, ohne Aufgaben, frei von Befürchtungen, nur sinken lassen.
Wie ein Dichter, der auf den nächsten Impuls wartet,
die Eindrücke einatmet und sie tief drinnen, im Herzen und im Bauch, wirken lässt,
bis Worte auftauchen und dann aus ihm herausfließen.
Manchmal sanft, manchmal mit einem wahren Schwall.
Heute ist es ganz still und es scheint, als würde alles schlafen,
als wäre diese Welt in eine Zeitlosigkeit gefallen,
in eine Parallelwelt, die weder Hetze noch Lärm kennt
und in sich selbst versunken ausharrt, bis die Wärme zurückkehrt.
Nun, die klirrende Luft macht auch hellwach, über der harten Kruste aus Schnee und Eis jedenfalls.
Hell und grell der Himmel in eiskaltem Blau, weiß und glitzernd verziert nahezu jeder Ast und jedes Blatt.
Doch siehe da, es gibt auch muntere und emsige Gestalten. Es sind zumeist jene, die auch fliegen können.
Bunte und schwarze emsige Vögelchen fliegen munter umher, wenden Blätter, piksen Körnchen aus Futterhäuschen und selbst einen Buntspecht konnte ich sichten, oder waren es zwei.
Es geht so schnell und ein flitzendes Eichhörnchen lenkt mich ab.
Ich frage mich, ob der Buntspecht wohl die Bäume prüft und schaut, wo er sich niederlässt.
Und wo schlafen die Vögel, wenn es so kalt ist in der Nacht.
Die Metallvögel jedenfalls interessieren sich nicht für meine romantischen Gedanken.
Ungeniert kratzen sie wie Eisläufer beim Training ihre Muster an den glasklaren Himmel in Blau, der von unten aussieht wie eine spiegelglatte Eiskuppel mit den Furchen und etwas aufgeworfenem Eis am Rand, das dann wieder wegschmilzt, sich einfach auflöst, als wäre nie etwas geschehen.
Und so ist es, wie es immer ist: ein Wechsel zwischen Ruhe und Bewegung,
und während die Winterschläfer vor sich hinträumen, haucht der Winteratem neben glatten Straßen auch zauberhafte Kunst in die Natur
und mir ist, als wären diese Blätter liebevoll mit Silberfäden umsäumt oder ist es gar gehäkelt, in jedem Fall ein echter Eistraum.
Oh lieben Dank, du emsige Eisfee,
das ist einfach schön und mein Atem tanzt vor meinen Augen in der Luft,
als würde er applaudieren.
© Manuela Engel-Dahan
Schriftstellerin, Krisenwandlerin, Waldphilosophin
#Frost #Transformation
#freigeistigewaldgedanken
#waldphilosophie
#FormYourWorld
Die Sprache entschleunigt – im langsamen Begreifen gelangen die Dinge zur Klarheit. Manchmal erinnert die Diktion an die oft unterschätzten Gedichte Friedrich Nietzsches bewusstes Staunen statt Hast. Die Texte entschleunigen und führen vom persönlichen Erleben zu allgemein gültigen Einsichten.