Meine Güte, wir waren ja so unschuldig! Ich bin noch ganz entzückt vom gestrigen Klassentreffen und den Bildern, die wir dabei gesehen haben. Es war so eine Freude, über diese alten Zeiten zu sprechen. Als Boomerin muss ich gestehen: Es ist schon verdammt lange her.
Unsere Abschlussfahrt 1978: 16 Tage England, hin mit Nachtzug und Luftkissenboot, zurück mit dem Flugzeug. Einfach spektakulär! Besonders zu erwähnen: die Aufnahmen von uns in Stonehenge, wie wir uns schamlos durch die Steinspalten zwängten. "Wer nicht durchpasst, ist zu dick." (Gott sei Dank, ich bin durch!) Heute undenkbar, ebenso wie die dreiste Imitation und Verulkung der in Leinen gehüllten Gestalten, die dort den Sonnenaufgang erwarteten. Crazy Gurus, oder was?
Die Zeiten ändern sich. Und dabei ist mir erneut jenes Spannungsfeld bewusst geworden, das mich schon länger beschäftigt: das zwischen Zugehörigkeit und Individualismus. Es beginnt als Teenager und ich habe das Gefühl, es hört erst auf, wenn man wirklich erkannt hat: Wir sind alle eins und doch getrennt. Jeder kann nur für sich selbst fühlen. Und das ist schon schwer genug.
Das Streben nach Anerkennung
Was bedeutet das konkret? Wir suchen Zugehörigkeit: Wer bin ich? Was will ich? Wer sieht und hört mich? Gleichzeitig wollen wir besonders sein, wertgeschätzt für das, was wir sind, nicht für das, was wir haben. Letztlich ist es diese Anerkennung, die wir alle brauchen.
Richtet sich das Streben einzig auf die Zugehörigkeit, folgt auf die anfängliche, euphorische Phase des „Findens“ eine Verengung. Man könnte es den Parteizwang des Lebens nennen: Die Entscheidungen kommen nicht mehr aus dem Gefühl und der Zustimmung, sondern aus dem Druck. Die Verlustangst, ausgeschlossen zu werden, zwingt uns zu Handlungen, die nicht mehr unseren innersten Überzeugungen entsprechen. (Wie wir es deutlich in der Politik sehen.)
Die wahre Erfüllung liegt in der Anerkennung der Einzigartigkeit. Es ist die Akzeptanz, dass jeder Mensch besonders ist und man ihn genau dafür schätzt. Wenn ich an die Fotos von gestern zurückdenke, fühle ich das sehr intensiv: Plötzlich wird aus einem verrückten, unangepassten Kleidungsstil der Ausdruck von Freiheit und Kreativität. Schade ist nur, dass man es manchen aus unserer Klasse nicht mehr sagen kann, weil sie nicht mehr unter uns weilen. Gott hab sie selig.
Der Appell zur Unschuld und die Provokationsfalle
Mein Appell an mich und die Welt: Jeder sollte so sein dürfen, wie er mag. Und es sollte erlaubt sein, dies aus reiner Neugier und Interesse anzusprechen oder auch zu fragen.
Es ist schade, dass heute alles sofort zu „Shaming“ degradiert wird und man kaum noch bewundern darf. Und doch stellen sich so viele Menschen auf Bühnen, und tragen statt Bekleidung kaschierte Entkleidungen zur Schau. Darüber erzürnen sich manche und das wird dann auch wieder mit allerlei Anglizismen in Schubladen sortiert.
Manche provozieren auch bewusst, um dann jene zu verurteilen, die sich daran stören. Was für ein Teufelskreis! Vielleicht sollten wir wieder unschuldiger reagieren, so wie das Kind, das ruft: Der Kaiser ist nackt! Und dann auch einfach mal darüber schallend lachen.
Ich muss auch an mir arbeiten, eine Heilige bin ich nicht. Ich versuche sehr bewusst, keine imaginären Grenzen zu überschreiten, auch wenn die Worte manchmal zu schnell über die Linien fliegen.
Ein sehr geschätzter Autor kommentierte kürzlich in einem Nebensatz, als ich mein "verbales Niesen – unredigiert" erläuterte: „… vielleicht einfach mal die Hand vor'n Mund.“ Zugegeben, ein guter Tipp, manchmal hätte ich vielleicht besser mal geschwiegen. Wie ganz früher, da war ich so schüchtern, da traute ich mich nicht mal zu sprechen. (Warum, das ist ein anderes Thema, muss ich auch mal beleuchten.) Und deshalb weiß ich auch: Manchmal ist die Stille sehr erhellend. Doch beides – mit und ohne Ton – muss man lernen auszuhalten, wenn einem das Lachen nicht vergehen soll, weil es natürlich auch Kommentare gibt, die nicht gefallen.
Da muss man durch. Jeder nach seiner Facon – oder ist das jetzt schon wieder zu frech?
Dein Schreibstil heißt „Bewusstseinsfluss“ oder „Stream of Consciousness“, hieß es auch. Das ließ mich dann auch regelrecht dahinfließen und fühlt sich auch sehr nach englischer Klassenfahrt an.
Also von mir: Auf die Anerkennung der Freiheit von Gedanken und Ausdruck in jeglicher Form, die niemanden verletzt oder dessen Rechte einschränkt.
Und jetzt mache ich mich mal auf die Suche nach diesem Film, den ich gedreht habe … wer weiß, was es da noch zu entdecken gibt ...
© Manuela Engel-Dahan
Mentorin & Schriftstellerin für Wandel & Resilienz
• Selbstwirksam. Achtsam. Naturverbunden.
• Im Unternehmen. Mit sich. Mit der Welt.
• Über 40 Jahre Expertise in Unternehmertum, Wandel und gelebter Menschlichkeit
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Die Sprache entschleunigt – im langsamen Begreifen gelangen die Dinge zur Klarheit. Manchmal erinnert die Diktion an die oft unterschätzten Gedichte Friedrich Nietzsches bewusstes Staunen statt Hast. Die Texte entschleunigen und führen vom persönlichen Erleben zu allgemein gültigen Einsichten.