01. Februar 2026

Schneeflöckchen, Weißröckchen, kostbare Himmelsfrucht

Vorsicht! Sehr schwärmerische Schneeerzählung

Beim Betrachten der wunderschönen, schneebedeckten Formen gerate ich völlig ins Schwärmen. Ein sanftes, blütenweißes Tuch hat sich über alles gelegt, Kanten verwischt und Formen neue Weichheit gegeben. Als hielten sich ungezählte Schneeflocken einander an Händen und Füßen, um sich miteinander dicht zu verweben. Der Wald wie in Watte getaucht oder mit Puderzucker bestäubt. Altbekanntes heute Morgen neu interpretiert.

Die Sonne lässt es funkeln und glitzern. Doch wenn die Wolken sich davorschieben, bekommt alles noch mehr Tiefe. Das laute Glitzern weicht einer sanften Stille. Kostbar. Versunken in sich selbst.

Meine Schuhe bleiben davon unbeirrt. Mit jedem Schritt entlocken sie der weißen Pracht knirschende Seufzer und ich fühle mich wie eine Dampfmaschine. Ich muss lachen. Weiße Wolken verlassen meinen Mund. Und mit jedem Stapfen dieses Geräusch: zuerst das Einbrechen der Oberfläche, dann das Pressen der Schneemasse, ein Loch bis zur Wade und dann, beim Herausziehen des Stiefels, das Aufwerfen des Schnees.

Wie klingt es genau? Ich sinniere über „Knirsch, ritsch und plopp…“, finde aber nicht die richtigen Laute. Gar nicht so einfach, Geräusche in Buchstaben zu packen.

Mein Hund und ich sind nicht die Einzigen, die Spuren in die Leinwand am Boden malen. Heute wird sichtbar, was sonst nur ein geübter Fährtenleser erkennt. Spuren von Waldbesuchern, die bereits vor uns unterwegs waren. Große und kleine Füßchen, hier und dort, kreuz und quer. Mein Hund liest eifrig und presst seine Schnauze munter tief hinein in die Muster. Er wirft sich ein ums andere Mal mit großem Genuss in den Schnee, wälzt sich und schnappt spielerisch nach dem weißen Wasserpulver.

Ich bin weniger forsch und konzentriere mich mit den Augen. Gar nicht so einfach. Ich erinnere mich an ein Brettspiel, eine weiße Karte, aufgezeichnete Spuren der Waldtiere. Und während ich mich frage, ob dieser äußerst schmale Streifen auf der Schneehügellandschaft, der sich über das riesige Reifenprofil zog, wohl von einer Maus stammt, flüchten sich meine Gedanken in andere Gefilde.

Wie entsteht eine Schneeflocke? Diese Frage lässt mich nicht los. Und ich staune über mich selbst, dass ich dazu keine Antwort habe, die plausibel klingt. Es kann doch kein gefrorener Regentropfen sein, diskutiere ich mit mir selbst, sonst wäre es Eisregen oder Hagel. Zaubert der Wind, im Walzer mit warmer Luft, aus einem Eistropfen einen geschmolzenen Kristall?

Ich weiß es nicht. Ich muss nachschauen. Die Antwort lässt mich staunen. Schon wieder ein kleines Wunder entdeckt.

Der Kern jeder Schneeflocke, der Samen dieses Wunders, ist häufig kein „fertiges“ Wassertröpfchen, das sich unterwegs einfach ein glitzerndes Mäntelchen überzieht. Es beginnt oft mit etwas Winzigem, das von der Erde kommt. Ein Staubpartikelchen. Ein kleines Staubkörnchen, das auf Reisen ging, sich gemeinsam mit abenteuerlustigen Freunden vom Wind hinauftragen ließ. Wer weiß das schon.

Und oben wurde vielleicht schon gewartet. Dort, in einer Wolke, die doch nichts anderes ist als der Atem des Himmels. Und liebevoll hat er sie umhüllt, die kleinen, mutigen Staubkörnchen. Vielleicht erstarrt der Atem vor Freude. Oder weil er dem Sandkörnchen von seiner Wärme etwas abgibt. Es ist doch recht kalt dort oben. So bilden sich kleine Schichten um seine Struktur. Plötzlich wird sichtbar, was dem bloßen Auge verborgen blieb. Ein Fraktal. Eine filigrane Struktur. Und so wächst dieses einst harte Partikel in dieser Verschmelzung nach außen und bildet kleine Sternchen. Ein zauberhaftes Naturwunder.

Und das Gewicht lässt sie nach unten sinken. Auf dem Weg zurück zur Erde verbinden sich manche mit anderen, ebensolchen kleinen Gebilden. Sie wachsen zu Flöckchen, lassen sich tragen oder schweben sanft zu Boden und verwandeln mit ihrer Leichtigkeit und Zartheit alles ganz leise. Besänftigen harte Kanten. Schlucken Schallwellen.

Und so zeigt mir dieses weiße Vlies aus liebevoll verzaubertem Sand: Man braucht keine große Kraft, um etwas zu wandeln. Manchmal reicht sanfte Beharrlichkeit. Eine Umarmung, der ich mich nicht verwehre, sondern die ich auf wundersame Weise einfach annehme. Und plötzlich wird alles in ein neues Licht gerückt.

Ein kleines Staubkorn beginnt neu zu leuchten. Sind wir nicht auch Sternenstaub? Einst winzige Körner, und durch die richtige Atmosphäre darf daraus etwas Wundervolles entstehen.

Und jetzt stelle ich mir vor: Unsere Talente bleiben manchmal für uns selbst verborgen. Irgendwo als Hauch, als Nebel.

Und dann fällt unerwartet Sand ins Getriebe. Plötzlich hakt es. Nichts läuft mehr wie am Schnürchen. Das, was vielleicht nicht geliebt, dafür gut gekonnt war und deshalb Tag für Tag wiederholt wurde, gerät ins Wanken.

Was, wenn diese „Staubkörner im Getriebe“ unseres Lebens, die Reibungen, die Fehler, die Herausforderungen, die Unvollkommenheiten, die Schicksalsschläge oder auch nur die alltägliche Last, die Frucht, der Ursprung dessen sind, was unser Talent, unseren Mut, unser Vertrauen befruchtet und wachsen lässt?

Denn Talent braucht Widerstand, an dem es sich schleifen kann, um zu glänzen. Erst wenn der himmlische Wunsch aus meiner Sehnsucht auf den ungeliebten Staub meiner harten Realität trifft, beginnt Veränderung.

Eine Kristallisation.

Jede Hürde in meinem Alltag ist ein potenzieller Keim für eine neue, leuchtende Facette meines Seins. Ich bin nicht trotz der Schwierigkeiten begabt. Ich stehe nicht aufrecht trotz der schweren Aufgaben. Genau deshalb. Erst durch sie kommt zum Vorschein, was in mir steckt.

Erwecktes Potenzial.

Und weil der Schneekristall den Staub nicht ablehnt, sondern ihn in sein Herz schließt, um ihn herum zu erstrahlen, zeigt er mir: Beziehung schenkt Licht. Licht wird Leuchten. Nicht gegen etwas, sondern mit etwas.

Und der Mensch: Er kann, er darf seine Prüfungen in die Symmetrie seines Charakters verwandeln.

Und so darf auch ich mich erinnern: Ich bin eine Kristallkünstlerin. Aus einem schmutzigen Sandkorn kann eine weiße Pracht werden. Und die Schöpfung kennt die richtige Zeit, und doch ist es wieder nur ein Augenblick, denn auch Kristalle sind vergänglich.

Nichts bleibt. Alles ist. Und wir mittendrin.


Manuela Engel-Dahan
Waldphilosophin und Krisenwandlerin



#FormYourWorld
#freigeistigewaldgedanken

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— Gerhard Charles Rump (1947–2020), Kunsthistoriker und -theoretiker mit Schwerpunkt zeitgenössische Kunst; Privatdozent an der TU Berlin, Kurator, Galerist und Fotokünstler.
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