06. Dezember 2025

Lichtblicke und Wortwechsel

Tag für Lebensmut und seelische Gesundheit Wenn das Leben zu schwer wird – du musst da nicht allein durch.

Morgen wird die zweite Adventskerze entzündet.

Was kam zuerst, das Licht oder das Wort?

Das Wort

Einst wortgewandt gepriesen und bejubelt,
hier und da einfach unter den Tisch gekehrt,
wird es jetzt an die Öffentlichkeit gezerrt,
mitten auf den Marktplatz und kritisch von allen Seiten beäugt.

Das Wort, der Belzebub

Ich frage mich,
wann das Wort begonnen hat, sich zu erdreisten,
den Schatten zu beleuchten.
Wann hat es angefangen, sich mit dunklen Gedanken zu paaren?
Ist es böse geworden,
weil es sich gepaart hat mit Menschen oder Dingen,
die nicht guttun?
Ist das Wort statt Beleuchter zum nackten Zeigefinger mutiert?
Statt zu fragen, wird sich distanziert.
Gesprächsaufrufe gar mit Boykott quittiert.
Bleibt das Wort im Halse stecken,
weil es auch als Waffe genutzt werden kann.

WORTfreie Zonen,
weil es ja womöglich Messer sind?

Das gejagte Wort

Das gejagte Wort,
herausgerissen aus einem Satz,
aufmerksamkeitsstark in Szene gesetzt,
jenseits von Kontext und Herzton.

Ein Wort, das eben noch tastend war,
wird zur Trophäe erklärt,
festgenagelt in Kommentarspalten,
verhakt in Schlagzeilen
für einen kurzen Moment Applaus.

Jagdgesellschaft der Empörungen.
Wer trifft, hat recht.
Wer lauter ist, gewinnt.

Das Wort,
ein scheues Reh im Lärm,
das nur sagen wollte:
Ich fühle etwas
und weiß noch nicht genau, wie.

Und das Wort,
was lernt es daraus?
Vielleicht ist das Wort müde geworden.
Zerredet, zerlegt, zerpflückt, nackt und zerkritisiert.
Jeder Buchstabe ein möglicher Stolperstein,
jede Silbe ein Verdacht.

Ein laut gedachtes Wort,
keine Wortspielerei,
ein Wort-Desaster.

Und da fällt mir wieder Rilkes Satz in den Kopf:
„Du musst dein Leben ändern.“
Daraus machen wir bequem:
„Du musst das Wort streichen.“

Das Wort, ein Betrüger,
der sich einschleicht, auf leisen Sohlen,
sogar in heiße Getränke zur Weihnachtszeit?

Vor lauter Angst, etwas Falsches zu formulieren,
haben wir verlernt, etwas Echtes zu sagen.
Wir haben die Vorfreude verpackt
in Luftpolsterfolie aus Vorsicht.
Die Angst lässt es vielleicht knistern,
lebendig wirkt es nicht.

Dabei waren Worte einmal Lichtträger.
Sie haben Geschichten gewoben,
Herzen verbunden,
Tränen gehalten,
Lachen ausgelöst,
ohne Disclaimer am Satzende.
Warnhinweise heute sogar bei
Großmutters Gesundheitstipps.
Vorsicht Lebensmittelallergie, aber
hört, hört, man kann ja auch sterben,
wenn man zu viel Wasser trinkt.

Vielleicht ist es Zeit,
das Wort wieder dorthin zu stellen,
wo es hingehört.
Nicht an den Pranger,
sondern mitten in den Gesprächskreis,
zwischen Kerzen und Menschen,
die bereit sind zuzuhören und nachzufragen,
statt zu verurteilen.

Wir haben heute begonnen, uns zu sammeln.
Menschen, die sagen:
Ich will wieder leichtherzig werden,
ohne oberflächlich zu sein.
Ich will Vertrauen üben,
im Wort und im Leben.

Aus diesen Gesprächen wächst ein Jahr,
das mehr sein soll als nur ein
„Nächstes Jahr wird es besser“.
Wir planen Veranstaltungen,
die den Menschen eines schenken sollen:
Leichtigkeit durch Vertrauen in das Leben.

Wir reichen nicht nur eine Hand,
wir zeigen Wege, sich selbst auszudrücken.
Mit Stimme, mit Stille,
mit Kunst, mit Wald, mit Schreibfeder,
mit allem, was hilft, sich wieder zu fühlen.

Wir laden ein zur Versöhnung
mit allem, was nicht perfekt ist.
Mit den schiefen Sätzen,
den brüchigen Tönen,
den Tagen mit Schattenrand.

Im Januar werden wir konkreter.
Schon jetzt sprechen wir mit Unternehmen,
die bereit sind, wieder zu leuchten. Gemeinsam.

So entstehen Orte,
an denen Worte wieder tanzen dürfen
und Menschen auch.

Dann wird das Wort wieder das,
was es im Herzen immer war.
Nicht Belzebub,
sondern eine Buchstaben-Versammlung zur Verständigung.

Und vielleicht merken wir irgendwann:
Das Licht und das Wort
sind alte Komplizen.

Sobald eines von beiden mutig wird,
fängt das andere wieder an zu leuchten.

Mein Wunsch fürs nächste Jahr:
Aussprechen, was wir fühlen,
angstfrei und mit Leichtigkeit.

© Manuela Engel-Dahan
Ex-Multi-Unternehmerin · Schriftstellerin und Waldphilosophin
Krisenwandlerin für mehr Vertrauen und Leichtigkeit im Leben

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Die Sprache entschleunigt – im langsamen Begreifen gelangen die Dinge zur Klarheit. Manchmal erinnert die Diktion an die oft unterschätzten Gedichte Friedrich Nietzsches bewusstes Staunen statt Hast. Die Texte entschleunigen und führen vom persönlichen Erleben zu allgemein gültigen Einsichten.
— Gerhard Charles Rump (1947–2020), Kunsthistoriker und -theoretiker mit Schwerpunkt zeitgenössische Kunst; Privatdozent an der TU Berlin, Kurator, Galerist und Fotokünstler.
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