Die Natur macht es vor.
Wachstum hat immer auch mit Rückschritt zu tun. Wenn die letzten Blätter gefallen sind, wenn alles kahl ist, können wir die Bäume wieder erkennen. Die Stämme mit ihren Markierungen, die Verletzungen in der Rinde. Die gewundenen Äste, die plötzlich den Blick freigeben auf das Wesentliche. Nichts ist für die Ewigkeit geschaffen und nichts ohne Makel. Alles, was wächst, vergeht wieder und wirkt dennoch weiter, weil es im Vergehen neue Nahrung schenkt. Das Laub, das in Bergen liegt, verwandelt sich bis zum Frühling in eine feine Schicht Humus.
Auch wir leben nicht ewig, und wenn wir wachsen, dann immer mit Einschnitten. Mit Erkenntnissen, die uns zeigen, dass wir nichts festhalten können. Dass alles, was wir erschaffen, weiterzieht, sich wandelt oder von anderen getragen wird.
Es schmerzt uns, wenn die Welt anders erscheint, als wir es erwartet haben, wenn Projekte scheitern, wenn Körperfunktionen aus dem Takt geraten und wenn Beziehungen zerbrechen oder Menschen uns verlassen. Dann kommt die Rückbesinnung. Eine Mischung aus Demut und Trauer. Und wenn wir dieser Trauer keinen Raum geben, schließt sich die Wunde nicht. Wir verharren, erstarren, blicken nur noch auf die Schatten statt auf das Licht und können uns dem Fluss des Lebens nicht mehr unbeschwert anvertrauen.
Ich sitze im Moment mit gebrochenem linkem Fuß. Die letzte Exkursion mit dem Hund hat mich unsanft gestoppt. Ich habe mich im wahrsten Sinne des Wortes selbst auf dem linken Fuß erwischt. Wäre ich achtsamer gewesen, hätte ich die rutschige Pfütze entdeckt, statt mitten hineinzustapfen. Ich hätte auch gemerkt, dass der Hund etwas gewittert hat und deshalb so kräftig an der Leine zog. Hinterher ist man schlauer.
Der Wald ist gerade ein Stück weit weg, nur noch durchs Fenster oder aus der Erinnerung erreichbar. Und trotzdem ist er da, lebendig in mir. So wie in meinem Buch „Mentales Waldbaden“. Es ist, als würde das Leben mir sagen: Dann lies doch selbst in deinen Kapiteln. Nimm ernst, was du anderen schenkst. Inhaliere deine eigenen Worte. Wende deine eigenen Bilder auf dich an. Es wirkt, wenn man sich selbst beim Sprechen auch mal zuhört.
Einen Rückschritt zu akzeptieren, fällt schwer und tut weh, besonders wenn der Körper ihn verordnet. Noch schwerer wird es, wenn der Rückschritt als Befehl von außen kommt. Denn das ist immer mit Verzicht verbunden. Nicht angenehm und auch nicht populär. Doch irgendwann müssen wir erkennen, dass alles seinen Ursprung in unserem eigenen Handeln hat. Dass Entscheidungen, die wir getroffen oder eben nicht getroffen haben, die Eintrittskarte in genau diese Situation waren.
Wie ziehen wir daraus neue Energie? Wie finden wir zurück ins Vertrauen? Vielleicht ist manches entstanden oder nicht gelungen, weil wir unachtsam wurden, weil wir dachten, das läuft alles von allein. Weil wir erfolgsgewohnt davon ausgegangen sind, dass wir auch diese Hürde nehmen.
Oder ist der Grund, dass wir irgendwann das Vertrauen in das Leben und in uns selbst verloren haben? Weil wir zu zweifeln begannen. Weil wir unser Denken vergifteten, als wir anfingen, die Schuld im Außen zu suchen. Als wir uns über die Um- und Missstände beklagten, uns selbst als Opfer bemitleideten.
Oder als wir verzweifelt für ein Recht gekämpft haben, das vielleicht überhaupt nicht existiert, weil jeder Mensch nur seine eigene Perspektive kennt und lebt und diese untrennbar verbunden ist mit seinen Zielen und den Methoden, die er für sich als richtig empfindet und in Anspruch nimmt.
Was hilft?
Eine Rückbesinnung mit Rückschau, ohne Schuldzuweisung, auch nicht uns selbst gegenüber. Die Vergangenheit lässt sich nicht ändern, und die Zukunft bleibt ungewiss. Kein Computer, kein Guru, kein Weiser der Welt kann alle Unbekannten berechnen.
Also erinnere ich mich daran, dass der größte Antrieb für jedes Gelingen der Glaube an eine Vision ist. Ein Glaube, der stark ist und zugleich das innere Wissen in sich trägt, dass sich alles so fügt, wie es gut für mich ist.
Auch wenn ich die Irrwege nicht immer verstehe und mich täglich neu mit den Folgen meiner eigenen Unachtsamkeit arrangieren muss. Die Welt dreht sich weiter und hat mir so oft gezeigt, dass vieles, was unerträglich schien, doch zu bewältigen war. Und manches, das unerreichbar schien, wie aus heiterem Himmel eingetroffen ist.
Zurück ins Vertrauen. Rückschritt ist auch vorwärts, nur mit geändertem Kompass. Und der Anfang eines Fortschritts der anderen Art. Wie das Kind in uns, das immer wieder aufgestanden ist, um aufrecht zu gehen.
Sei aufrichtig und behutsam mit dir, darin liegt die Kraft und der aufrechte Weg, auch wenn du ihn manchmal nur mit Krücken gehst.
© Manuela Engel-Dahan
Mentorin & Schriftstellerin für Wandel & Resilienz.
Selbstwirksam. Achtsam. Naturverbunden.
Im Unternehmen. Mit sich. Mit der Welt.
Über 40 Jahre Expertise in Unternehmertum, Wandel und gelebter Menschlichkeit.
Die Sprache entschleunigt – im langsamen Begreifen gelangen die Dinge zur Klarheit. Manchmal erinnert die Diktion an die oft unterschätzten Gedichte Friedrich Nietzsches bewusstes Staunen statt Hast. Die Texte entschleunigen und führen vom persönlichen Erleben zu allgemein gültigen Einsichten.