Draußen vor der Tür steht die Frage. Sie ist vereinsamt, tritt von einem Fuß auf den anderen und hält tapfer aus. Oft wird ihr das Wort verwehrt, noch bevor sie den Mund öffnen kann. Drinnen drängen sich die schnellen Antworten, die sicheren Urteile, die fertigen Pointen.
Sie bleibt einfach einsam übrig, passt nicht in die schmalen Kommentarspalten, die bereits aus den Nähten platzen, weil sich dort längst Bestätigungen, Empörungen oder Belehrungen breit gemacht haben. Sie beansprucht zu viel Raum, wo doch nur ein kurzer Treffer auf die Zwölf erwartet wird. Und sie ist zu schmerzempfindlich, wenn mit Bullets und Häkchen abgesteckt wird, statt ihr auch nur ein kleines Zeilchen zu gönnen.
Dabei ist wohl in Vergessenheit geraten, dass sie so charmant sein kann. Wenn man sie mit offenen Armen einlädt, wischt sie mit ihrer Energie dunkle Wolken vom Himmel, zaubert wunderschöne Lächeln auf Gesichter, lässt Augen blitzen und leuchten. Sie hat ihre eigene Magie, Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen, die sich vorher nur stumm gegenüberstanden.
Sie ist eine Zauberin, diese Frage, eine verschmitzte, verbindende, eine adrette Gestalt. Doch sie hat auch ihre wilden Seiten. Wenn die Pferde mit ihr durchgehen, kann sie sich ungestüm verhalten. Vielleicht hat sie deshalb im Duden dieses Attribut der Stute bekommen, das ziemlich wehtun kann. Vielleicht ist es der Tatsache geschuldet, dass sie zu lange angebunden war, zu lange überhört, zu oft belächelt. Vielleicht tritt sie deshalb aus und verletzt, obwohl es nicht ihre Absicht war. Ja, sie kann sehr bissig werden und genau dort treffen, wo wir uns sicher wähnten.
Es scheint, als verfügte sie über einen siebten Sinn, um verdeckte Wunden ans Licht zu bringen. Man denkt bei dieser Geburtsstunde nicht an die freudige Arbeit einer Hebamme, sondern bringt sofort den Richter ins Spiel. Vielleicht, weil sie selbst missbraucht wurde und nicht rechtzeitig und laut genug NEIN rufen konnte.
Sie ist selbst auch zerbrechlich. Man muss sorgsam mit ihr umgehen, sie gut behandeln und versorgen, ihr Raum geben und Zeit. Ihr nicht sofort den Mund verbieten, nur weil sie unsere Komfortzone in ein inneres Alarmzentrum verwandeln kann.
Nun steht sie draußen, die Frage, und bittet um Einlass. Auf ihrer Brust das angeheftete „non grata“. Sie spürt sein Gewicht und beschließt, ihn sich vom Revers zu reißen. Sie will zurück in das wilde Treiben, dorthin, wo der Diskurs Arm in Arm Walzer tanzt. Ja, mit wem denn eigentlich? Die Frage will neuen Rhythmus, will Tango tanzen, will die Richtung wechseln und nicht auf einem Bein stehen.
Sie überlegt, ob sie es noch einmal wagt, die Hand auszustrecken und um einen Tanz zu bitten. Vielleicht ist heute ein guter Tag, um ihr den Tanzboden zu öffnen, sie galant hereinzubitten, ihr auch einen Stuhl anzubieten und zu sagen: Wir haben dich vermisst. Erzähl, was willst du wirklich wissen, und lass uns eine Runde schwofen. Musik an.
© Manuela Engel-Dahan
Ex-Multi-Unternehmerin · Schriftstellerin und Waldphilosophin
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