Einst brachtest du uns die Erkenntnis. Du hast uns die Augen geöffnet für das, was ist. Doch Erkenntnis allein heilt keine Wunden und bringt auch keinen Frieden. Jetzt ist es an uns, die Liebe zu bringen.
In den letzten Tagen habe ich den Film „Die Aussprache“ (Women Talking) gesehen. Er hat mich tief bewegt. Er ist beklemmend, schonungslos und zugleich voller Fragen, die weit über diesen Film hinausreichen. Frauen einer abgeschotteten Gemeinschaft sprechen über das, was sie jahrelang erdulden mussten. Und sie ringen um eine Entscheidung, die alles verändert.
Bleiben und weiter ertragen und alles vergeben?
Bleiben und kämpfen?
Mit den Kindern fortgehen und ein neues Leben beginnen?
Mich hat daran vor allem eines berührt: Wie lange Menschen aushalten, was niemals hätte geschehen dürfen. Wie sehr aus Duldung Gewohnheit werden kann. Wie schnell Schweigen den Anschein von Frieden bekommt, obwohl es in Wahrheit nur die Abwesenheit von Widerspruch ist.
Besonders schmerzhaft ist die Frage nach den Söhnen, die älter als zwölf Jahre sind. Ja, sie können gefährlich sein. Aber sie sind auch noch Kinder. Können sie mitgehen in eine neue Freiheit, wenn sie längst begonnen haben, die Regeln der Männer zu lernen? Oder ist bereits etwas in ihnen gewachsen, das sich nur schwer wieder lösen lässt?
Und doch gibt es in diesem Film auch einen lichten Moment. Einen Hoffnungsschimmer. Der Lehrer, der die Frauen in ihrer Aussprache unterstützt, traut diesen Jungen noch etwas zu. Er glaubt daran, dass Liebe, Wahrhaftigkeit und aufrichtige Gespräche junge Menschen prägen können, weil sie noch offen und formbar sind. Dass aus Kindern nicht Täter werden müssen, nur weil sie von falschen Strukturen umgeben sind. Dass eine andere Welt möglich ist, wenn jemand früh genug damit beginnt, sie vorzuleben.
Genau darin liegt für mich ein tiefer Auftrag.
An uns Mütter. An uns Frauen.
Wir haben mehr Wirkung, als uns bewusst ist.
Wir prägen mit, was ein Kind über Würde, Achtung, Macht, Gewalt und Liebe lernt.
Auch Väter und alle, die junge Menschen begleiten, tragen Verantwortung.
Doch wir Frauen dürfen unsere Kraft nicht unterschätzen.
Wir dürfen nicht warten, bis sich Härte oder Hass festigt.
Wir dürfen nicht schweigen, bis Gleichgültigkeit für normal gehalten wird.
Wir dürfen nicht zulassen, dass unsere Kinder in einem Denken groß werden, das nur noch Täter und Opfer kennt, Macht und Ohnmacht, Gehorsam und Angst.
Wir dürfen nicht zulassen, dass Söhne zu Helden verklärt werden, wenn sie im Namen von Ideologien töten.
Frieden beginnt viel früher.
Er beginnt zu Hause, in unseren Worten, in unserem Blick auf das, was wir hinnehmen und auf das, was wir nicht mehr bereit sind zu dulden. Er beginnt dort, wo wir Kindern Achtung beibringen. Wo wir ihnen zeigen, dass Freiheit nichts Wildes und Bedrohliches ist, sondern etwas Würdevolles. Etwas Menschliches. Etwas, das geschützt werden muss. Und dass diese Würde für jeden Menschen gilt.
Wir haben keinen Einfluss auf die Weltpolitik. Doch wir verändern die Welt dort, wo wir mit anderen in Kontakt kommen. In unseren Familien. In unseren Schulen. In unseren Beziehungen. In dem, was wir vorleben. In dem, was wir benennen. In dem, wozu wir nicht länger schweigen.
Morgen ist Wahltag. Jede Stimme ist ein Zeichen.
Doch die wichtigste Stimme geben wir jeden Tag ab. Durch das, was wir normal nennen. Durch das, was wir entschuldigen. Durch das, was wir ablehnen. Durch das, was wir unseren Kindern mitgeben, ohne es aussprechen zu müssen.
Jede bewusste Entscheidung ist ein Akt der Selbstachtung.
Und vielleicht auch ein Versprechen.
An unsere Söhne und Töchter.
An die Welt, die nach uns weiterlebt.
Wie wollen wir leben?
Diese Frage muss jeder für sich beantworten. Und jede Antwort wird der nächsten Generation übergeben.
Lass es Liebe sein.
© Manuela Engel-Dahan
Waldphilosophin | Krisenwandlerin
Impulsgeberin für Mensch & Wirtschaft
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Die Sprache entschleunigt – im langsamen Begreifen gelangen die Dinge zur Klarheit. Manchmal erinnert die Diktion an die oft unterschätzten Gedichte Friedrich Nietzsches bewusstes Staunen statt Hast. Die Texte entschleunigen und führen vom persönlichen Erleben zu allgemein gültigen Einsichten.