Unverbesserlich
Beim Schreiben und beim Wörter sammeln für ein neues Buchprojekt ist mir etwas aufgefallen: Das Präfix „un“ klingt im Deutschen oft nach Mangel. Unerfahren. Unstet. Unklar. Die negative Umkehr. Doch manchmal klingt „un“ wie eine Rebellion. Ein intuitiver Aufschrei der Seele vielleicht?
Da sind unachtsam, unwirsch, unpassend. Wörter, die mich mit Zähneknirschen zurücklassen. Und dann gibt es diese anderen Wörter, die wie kraftvolle Lichtblitze wirken:
unbändig: strotzend oder trotzig, pure Lebenskraft.
unbestechlich: stark, standhafte Integrität.
unverwüstlich: reinste Form der Widerstandskraft.
unverblümt: ohne Geschenkpapier verpackte Meinung.
unvergleichlich: nur dieses besondere Leuchten.
Und jetzt haut es mich fast um: unverbesserlich.
Ein Wort, das mir im Leben oft als Kritik begegnet ist. Als Schranke, als Warnung.
Romantisch, naiv, zuversichtlich. Bitte nicht so viel Gefühl. Bitte mehr Härte. Wie willst du bestehen im Haifischbecken, bitte nicht mit diesem Hokuspokus.
Sogar ein Bundesminister sagte einmal zu mir:
„Frau Engel Dahan, das ist naiv, so zu denken. Sie sind eine Romantikerin! Es ging um Grundeinkommen.“
Und heute, rückblickend, habe ich beim Schreiben dieses Wortes solche Blitzgedanken. Unverbesserlich heißt: Es gibt nichts zu verbessern. Gefühlvoll sein darf erlaubt sein. Weich ist auch stark. Selbst Papier schlägt den Stein.
Es gibt Dinge, an denen ich nichts verbessern muss, weil sie im Kern stimmig sind. Optimismus gehört dazu. Gute Gedanken. Und die Zuversicht, dass Zukunft, trotz aller Hiobsbotschaften, gelingen kann.
„Verbesserlich“ sind für mich eher Gedanken, die nur Schuld zuweisen. Bei allem, was geschieht, liegt fast immer auch ein Anteil bei mir selbst. Ich gestalte meine Welt durch das, was ich einlade, was ich denke, was ich sage, was ich tue, was ich kaufe, was ich hinnehme und wen oder was ich dadurch unterstütze. Gedanken sind kraftvoll. Sie können erschaffen, sie können verändern, sie können reinigen.
Ich habe eine große Lektion erfahren. Ich bin dann gescheitert, wenn ich auch die Hürden anderer beseitigen wollte und letztlich die aufgenommenen Steine vor mir selbst platziert habe. Ich habe dem anderen nicht die Gelegenheit gelassen, selbst zu erfahren, was möglich ist und was nicht. Dadurch habe ich auch jene enttäuscht, die mir vertrauten und an den Erfolg glaubten. Verantwortung kann ich nur für mich selbst übernehmen. Mitverantwortung ist schwer zu greifen und die Selbstverantwortung ist allemal genug.
Da zeigt mir die Natur, wie es geht. Und durch Wald, Garten oder Haustier erhalte ich Botschaften. Und gerade heute sehe ich es deutlich: Unser Hund ist seit einem Jahr sehr krank. Im Sommer sagte man uns, wir könnten ihn nur noch kurze Zeit begleiten. Ich wollte keinen Gedanken daran verschwenden, dass er es nicht schafft, ein weiteres Lebensjahr zu erleben.
Und heute feiern wir Hundegeburtstag: Eloy ist dreizehn.
Unverbesserlich dieses dankbare Gefühl, dass er noch nicht müde ist und noch bleiben will und darf. Er trägt sein Schicksal mit Würde und mit einem unermüdlichen Lebenswillen. Er teilt sich seine Kräfte ein. Er lebt mit seinen Einschränkungen und will die kleinen Ausflüge in den Kurpark noch aktiv unternehmen.
Langsam, sehr langsam. Und da passt es gut, dass ich derzeit auch nur ganz kleine Schritte mache. Nach dem verheilten Bruch. Und statt Gassi gehen übe ich mich mit ihm im Gassi schleichen. Eine vom Schicksal auferlegte Achtsamkeitsübung, die mich mit Eloys Schritttempo synchronisiert hat. Wie passend, unglaublich.
Gute Gedanken sind wie eine kostbare Essenz, von der ich täglich nippen darf. Sie machen das Leben leichter. Sie machen schwierige Momente erträglicher.
Ich wünsche mir, dass ich unverbesserlich bleibe, wenn es um das Gute und das Schöne und den Optimismus geht. Ich hüte meine Vorfreude wie einen Schatz. Was danach kommt, liegt oft nicht in meiner Hand. Das überlasse ich dem Morgen.
Frohe Weihnachten wünsche ich, mit schönen Stunden und unvergesslichen Momenten.
Unverbesserlich der Moment, in dem man das Strahlen eines Menschen fühlt, weil ein Wunsch in Erfüllung gegangen ist. Unverbesserlich das Lachen von Menschen, die froh sind und vergnügt.
Unbezahlbar, wenn jemand lächelt, weil das Essen so gut schmeckt.
Unvergleichlich und unübertroffen, dieses Gefühl, wenn ich mich freue und damit nicht alleine bin.
© Manuela Engel Dahan
Schriftstellerin, Krisenwandlerin, Waldphilosophin
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Die Sprache entschleunigt – im langsamen Begreifen gelangen die Dinge zur Klarheit. Manchmal erinnert die Diktion an die oft unterschätzten Gedichte Friedrich Nietzsches bewusstes Staunen statt Hast. Die Texte entschleunigen und führen vom persönlichen Erleben zu allgemein gültigen Einsichten.