Der Sturz
Plötzlich wurde ich aus meinen Gedanken gerissen. Diese Millisekunden vor einem, oder besser gesagt während eines Sturzes sind surreal: die Ungläubigkeit und parallel die innere Stimme, die fleht: „Nicht schon wieder.“
Mit einem Auge erfasse ich überrascht, wie der rechte Fuß bereits vertikal nach oben schießt, während das andere Auge mit böser Vorahnung nach dem linken Ausschau hält.
Alles geht blitzschnell: Das Handy fliegt, der Matsch spritzt, der Hund bellt hysterisch. Doch meine Hand, die die Leine hält, lässt nicht locker. Ein eiserner Griff. Der Hund läuft weiter, versucht es zumindest, und schleift mich noch ein Stück durch die braune, glibbrige Herbst-Puddingmasse, während sich mein linker Fuß an einer Wurzel verhakt.
Oh – das sieht sehr ungesund aus. Noch bevor dieser Gedanke endet, stöhnen Fuß und Knie im Duett.
Wie der letzte Knall eines spektakulären Feuerwerks hallt es in mir, dröhnt in meinem Kopf: „Das war's für heute. Aufstehen wird schwierig.“
Ich weiß es. Die innere Stimme hat recht. Leider meldet sie sich sehr laut, genau dann, wenn man sie am wenigsten gebrauchen kann. Als würde sie Informationen abschießen ... ein Pfeil, ein Treffer. Geübt und zielsicher. Ich stelle mir gerade meine innere Stimme mit einem Blasrohr vor. Pffffffft. „Hättest du mal aufgepasst.“
Multitasking ohne Blessuren ist ein Mythos. Irgendwas bleibt immer liegen oder fällt runter. Nun gut. Erstmal durchatmen.
So sitze ich nun inmitten einer schlammgetränkten Mulde, die ich weder gesehen noch erwartet hätte. Wie auch? Ich war – ähnlich wie die Bäume – in einen milchigen Nebel eingebettet. Nur bestand meiner nicht aus Wassertropfen, sondern aus Gedanken.
Der Crashkurs
Vor dem Sturz war mein Schritt sicher und beschwingt. Die Freude über die Arbeit an meiner gecrashten Webseite und den vielen neuen Lerneinheiten zog mich mit jedem Atemzug tiefer in meinen Bewusstseinsstrom. Ich formulierte gerade innerlich, dass das Leben ein wahrer Crashkurs ist: Lehrstoff in kürzester Zeit.
Und genau so serviert es uns das Leben.
Immer wenn es crasht, lernt man. Eine alte Freundin sagte in solchen Situationen: „Wer nicht hört, der kriegt auf den Kopf.“
„… der muss fühlen“ klingt sanfter, dafür wirken beide Redensarten nachhaltig. Wie ein mentales Eisbad. Die Gefäße ziehen sich zusammen, das Hirn erhält den Notruf und schmeißt den Turbo an. Sauerstoff schießt in die Zellen, und plötzlich wird man bewusster.
Man erkennt, dass man zwar Werkzeuge gereicht bekommt, sie aber selbst nutzen muss. Niemand kommt, um Berge abzutragen oder Löcher auszuheben. Zuspruch ja, Ermunterung auch – aber die Arbeit bleibt bei uns.
Und wenn jemand sagt: „Ich mach das für dich“, kann man sicher sein, dass man hinterher meist nur mehr Arbeit hat. Entweder nimmt er den Lohn für sich, oder er ruiniert, was vorher lief.
Und weil das Leben seinen skurrilen Humor liebt, wurde ich just während dieser Gedanken mit einem neuen Thema konfrontiert: der Fallstudie.
Fallen wir, wenn wir uns ins Abenteuer stürzen, oder stürzen wir, wenn wir Abenteuer verhindern wollen?
Ich habe erlebt, was danach zählt: Ruhen, um Wunden zu versorgen und heilen zu lassen. Und Humor. Humor ist lebenswichtig, damit man den Schmerz erträgt.
Manchmal wird dieser Humor übelgenommen. Besonders dann, wenn der eigene Sturz bei anderen Verletzungen hinterlassen hat und man nicht in der Lage war, Unheil abzufangen oder Schaden zu mindern.
Das schmerzt: weil man anerkennen muss, dass man Grenzen hat. Und dass es Versprechen gibt, die man nicht halten kann, selbst wenn man dachte, man würde es schaffen.
Was ein Sturz hinterlässt, ist oft die Erkenntnis, wie geschmeidig alles vorher ging, obwohl es schwer schien. Und dass man gar nicht wahrgenommen hat, was alles funktioniert hat.
Die zweite Erkenntnis: Das Leben verlangt immer wieder Improvisation. Nichts hat Bestand. Nur der Moment.
Und auch während und nach einem Sturz bleibt Raum für Freude – und Humor.
Ich habe nach diesem kleinen Sturz sofort Hilfe erhalten. Aufmerksame, liebevolle Menschen. Denn ich konnte wirklich nicht allein aufstehen. Manchmal braucht man Stütze.
Und die nächsten sechs Wochen bin ich eben mit Krücken unterwegs.
Das hat auch Vorteile, man glaubt es kaum Ich werde berichten.
© Manuela Engel-Dahan
Waldphilosophin | Mutbotschafterin
Im Wald gefühlt. Ins Leben geschrieben.
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