07. März 2021

Die Mär von Fairness

Können uns unsere Optimierungsorgien zu fairen Menschen machen, uns glückliches Leben sichern? Ich will Sinn stiften. Fair kann es nicht gehen, das habe ich gelernt im Leben, aber mit Liebe und mit Aufrichtigkeit.

Was ist fair,
gibt es Fairness?
Das Thema beschäftigt mich
durch die Kommentare,
dass man Politiker trotz
aller Bemühungen kritisiert
und unfair behandeln würde ...

Ich denke,
Kritik und Empörung
tragen uns weiter,
denn ohne Fragen
bleiben Antworten aus,
Hinnahme statt Diskurs,
Lähmung statt Bewegung.
Prozesse bedürfen
einer Beobachtung,
Abläufe verlangen
Feinjustierung, wenn es hakt.

Wer sich an die Spitze stellt,
nimmt billigend in Kauf,
dass Aufmerksamkeit auch
Beobachter auf den Plan ruft,
die nicht schweigen,
sondern kommentieren.
Ich nehme mich nicht aus.

Von jeher wollte ich gestalten
und Kritik begleitet mich,
das ist auch wichtiger Antrieb.
Nur so kann Gesellschaft wachsen.

Wer stumm bleibt,
muss sich fügen,
wer nicht handelt,
wird behandelt.

Existiert Fairness?
Ich denke,
das ist ein angestrebtes Ziel,
dass sich immer wieder entfernt,
wenn man näher kommt.

Am einfachsten
sollte Fairness im Sport
durchzusetzen sein, oder?
Trotz aller menschlichen und
technischen Kontrollmechanismen
schwierig umzusetzen.
Gäbe es sonst Diskussionen?

Neutrale Beobachter,
gibt es welche?

Kann ein Mensch
neutral sein,
seine Emotionen abstellen?

Gibt es Fairness in der Natur?
Eine Frau wird schwanger
beim ersten Geschlechtsverkehr,
die andere muss durch
viel Kummer und Schmerz
bis sie ihr Baby im Arm
halten kann,
vielen bleibt es verwehrt.
Ist das fair?

Ein Kind wächst
im Überfluss auf,
ein anderes kann
den Hunger nicht stillen.

Ein Mensch ernährt
sich gesund, treibt Sport,
bleibt asketisch und
leidet doch an Krebs,
der andere lässt nichts aus
und lebt viele Jahre länger ...

Ist es vielleicht unser Wunsch,
in den Schöpfungs-Plan
einzugreifen,
damit das Leben fair wird,
damit alle schöne Nasen
erhalten,
straffe Bäuche kriegen,
große Brüste,
schöne Haare und Nägel?

Ist es fair,
wenn Steueroasen wachsen oder
Gutscheine für gesetzlich
genehmigte CO2-Ausstöße
verkauft werden?
 
Können uns
unsere Optimierungsorgien
zu fairen Menschen machen,
uns glückliches Leben sichern?

Mensch, mach dir
die Erde untertan ...
was ist damit gemeint,
Äußeres ändern,
Gut und Böse definieren,
Einkommenshöhen bestimmen,
Flussläufe verändern,
Gene manipulieren,
Hilfsbedürftigkeit bewerten?

Gleichheit für alle und
doch ist nichts gleich.
Gleichheit und Fairness,
unerreichbare Ziele?

Wir spritzen und schnippeln uns schöner,
wir produzieren wirtschaftlicher,
wir impfen uns gesünder,
wir füttern die Fleißigen fett
oder nur die Schlausten?

Wir wollen leistungsfähiger,
stärker,
gesünder,
vermögender sein ...

Wer zahlt den Preis?
Rechnen wir fair ab?

Verhöhnen wir mit
unserem Gleichheitsanspruch
uns selbst?

Dient es unserer Verpflichtung,
Lebensraum zu schützen,
Tiere, Flora und Fauna zu pflegen?

Sollten wir uns einfach
mal in der Natur umschauen,
um zu erkennen,
dass es Licht und
Schattengrenzen gibt?

Nur in Kunsträumen ist immer Licht,
manche nutzen dies zum Foltern,
doch das ist ein anderes Thema.

Wir wissen doch,
das die Tag-/Nachtgrenze
jeden Tag aufs Neue
gezogen wird.
Sollten wir aufhören
wirtschaftlich zu wachsen,
stattdessen damit beginnen
unseren Planeten
zu hüten und zu  pflegen?

Sollten wir daraus schöpfen,
was das Virus uns lehrt,
uns auch zu zügeln?

Sollten wir anerkennen,
dass alle Versuche
die Schöpfung zu leiten
nur temporär sind.
Interimslösungen,
die uns kurzfristig in
geistige Sicherheitswatte packen,
weil wir glauben,
wir könnten alles steuern?

Unsere Erde dreht sich weiter,
die Viren mutieren weiter,
die Natur nimmt an,
ob wir geben oder nehmen,
ohne Wertung,
sondern mit Mutation.

Ich weiß,
dass ich selbst schwach bin und
auch selbst meinen Fragen
mit rotem Kopf gegenüberstehe.

Heißt Untertan machen,
zu pflegen, zu hegen, zu schützen?

Ich will mich jeden Tag
an der eigenen Nase packen,
um zu prüfen,
was und wem es nützt,
was ich tue.

Ich will Sinn stiften.
Fair kann es nicht gehen,
das habe ich gelernt im Leben,
aber mit Liebe und mit Aufrichtigkeit.

© Manuela Engel-Dahan

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Rezension
Buchbesprechung von Gerhard Charles Rump (postume Veröffentlichung, 08.08.2020) zu Freigeistige Waldgedanken – Band 1.
Die Sprache entschleunigt – im langsamen Begreifen gelangen die Dinge zur Klarheit. Manchmal erinnert die Diktion an die oft unterschätzten Gedichte Friedrich Nietzsches bewusstes Staunen statt Hast. Die Texte entschleunigen und führen vom persönlichen Erleben zu allgemein gültigen Einsichten.
— Gerhard Charles Rump (1947–2020), Kunsthistoriker und -theoretiker mit Schwerpunkt zeitgenössische Kunst; Privatdozent an der TU Berlin, Kurator, Galerist und Fotokünstler.
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