Es war einmal ein kleiner Pilz, der schob seinen braunen Hut vorwitzig durch eine harte Decke aus glitzerndem Schnee. Es war sehr still in der Welt, bis eine Stimme aus dem Boden drang. Es war ein alter, faltiger Champignon, der tief unter dem Laub im Warmen blieb.
„Halt ein“, rief der alte Pilz. „Was tust du da? Du Träumer. Es ist Frost. Hast du denn keine Bücher gelesen? Hast du keine Berater gehört? Pilze wachsen, wenn Sonne und warmer Regen rufen. Was du tust, ist lebensgefährlich, töricht und unlogisch zugleich.“
Der kleine Pilz zitterte nicht, obwohl bereits ein Wassertropfen auf seinem Hut gefror. „Ich fühle aber, dass jetzt meine Zeit ist“, sagte er leise, doch selbstbewusst.
„Oh, sein Gefühl“, spottete ein anderer Pilz-Geselle, der sich für besonders gelehrt hielt. „So ein Nonsens! Wir haben Statistiken gesammelt, über Generationen. 99 Prozent aller Pilze, die den Schnee berührten, sind verendet. Wir wissen genau, was gut für dich ist. Unsere Erfahrung dient deiner Sicherheit. Wir wollen nur dein Bestes. Hör auf zu träumen. Komm zurück, bevor deine Zellen kristallisieren.“
Da rief der Löwenzahn: „Wartet, nicht so voreilig.“
Die Pilze hielten entrüstet ein. Nun mischte sich noch eine Blume, wenn man sie überhaupt so nennen wollte, ein und gab ungefragt ihren Senf dazu.
„Ja“, sagte der Löwenzahn besonnen und ignorierte die hochgezogenen Augenbrauen. „Schnee kann lebensgefährlich sein. Man darf ihn nicht unterschätzen. Man muss vorsichtiger sein als sonst. Doch Vorsicht ist etwas anderes als Panik. Verunsichert ihn nicht.“
Der kleine Pilz indessen, mit verzückter Miene und ganz bei sich: „Ich will auf mich vertrauen. Wer sagt denn, dass eure Statistik auch heute noch stimmt?“, antwortete er. „Ihr sprecht aus eurer Erfahrung. Aber selbst wenn ihr aus Pilzgenerationen stammt, heißt das nicht, dass eure Meinung auf jeden passt. Vielleicht habt ihr euch nur daran gewöhnt, im Warmen zu bleiben.“
„Ignorant! Du wirst scheitern“, riefen die Berater im Chor. „Du wirst schon sehen. Es ist gegen unseren Auftrag. Wir haben uns noch nie so verhalten. Du bringst noch die Jugend auf dumme Gedanken.“
„Nein“, sagte der kleine Pilz und reckte seinen Stiel ein Stückchen höher und spreizte seine Lamellen. „Vielleicht ist es nur gegen eure Natur. Ihr nennt es Erfahrung, aber ihr beschreibt damit nur die erlebten Bilder eurer eigenen Welt. Meine Welt ist die Entdeckung der leuchtenden Sterne und die Kälte, die bricht und Neues offenbart. Ich will erfahren und dadurch wachsen. Ich übernehme jetzt Verantwortung für mich.“
Und während das selbst ernannte Beraterteam unten noch überaus hitzig debattierte, welche Temperatur die richtige zum Leben sei, genoss der kleine Pilz die Freudentränen der schmelzenden Schneedecke, die ersten Sonnenstrahlen, die im Schnee glitzernd neckten. Und er freute sich des Lebens.
Er wusste nun:
Das Herz hat seinen eigenen Kompass, auch im Schnee. Die Erfahrung der anderen ist auch nur eine Sichtweise, die einen anderen Fokus hat als den seinen.
© Manuela Engel-Dahan
Waldphilosophin und Krisenwandlerin
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Die Sprache entschleunigt – im langsamen Begreifen gelangen die Dinge zur Klarheit. Manchmal erinnert die Diktion an die oft unterschätzten Gedichte Friedrich Nietzsches bewusstes Staunen statt Hast. Die Texte entschleunigen und führen vom persönlichen Erleben zu allgemein gültigen Einsichten.