Die letzten Tage waren voller Vorfrühlingswispern.
Heute fährt feiner Graupel in diese romantische Stimmung.
„Ich will Antworten“, höre ich eine Freundin rufen.
„Warum passiert das gerade, warum?“
Auch ich habe oft keine Antworten.
Dann frage ich die Natur.
Und dann kommen mir die Gedanken, denn sie spricht nicht wie ein Mensch zu mir.
Plötzlich nehme ich wahr, was um mich herum geschieht.
Die Knospe hat sich von warmer Luft herauslocken lassen.
Die Ameisen von gestern haben sich wieder verkrochen.
Sie wissen: Wenn nicht heute, dann morgen. Der Tag wird kommen.
Vielleicht ist es im Wetter nicht anders als in uns.
Warme und kalte Luftmassen begegnen einander, geraten aneinander, und plötzlich entlädt sich die Spannung.
Was eben noch mild war, wird hart.
Was schon nach Aufbruch klang, zieht sich wieder zurück.
Vielleicht ist es in unserem Leben genauso.
Da sind körperliche Herausforderungen, die uns ausbremsen.
Da ist der Verlust geliebter Menschen.
Da sind Ereignisse, die plötzlich Leben zerreißen.
Da sind politische Entwicklungen, die Angst machen oder ratlos zurücklassen.
Und immer wieder ruft etwas in uns: Warum?
Vielleicht ist das Leben nicht gerecht im menschlichen Sinn.
Vielleicht gibt es nur das Erfahren des Jetzt.
Und manchmal ist es nicht so, wie wir es erwartet haben.
Und manchmal tut es weh.
Ich erinnere mich an meine Kindheit.
Wenn ich fragte: „Warum?“, lautete die Antwort oft nur: „DARUM.“
Früher hat man nicht erklärt.
Früher hat man nicht um Verständnis gebuhlt. So ist es. Punkt.
Vielleicht war genau dieses Machtwort die Wurzel dafür, dass ich so lange meine eigenen Wege gegangen bin und über vierzig Jahre als Unternehmerin tätig war.
Um mir meine eigene Gerechtigkeit zu erschaffen.
Und um irgendwann festzustellen, dass es auch dann keine wirkliche Gerechtigkeit gibt, wenn ich selbst entscheiden kann.
Denn ich bin nur ein Teil eines großen Ganzen.
Ich kann nicht alles regeln.
Ich kann nicht alles erkennen.
Ist die ersehnte Antwort vielleicht nur die Karotte, die wir vor uns selbst hängen, um die Unberechenbarkeit des Lebens besser auszuhalten?
Wenn ich im Wald stehe, sehe ich keine Gerechtigkeit. Und auch keine Fairness.
Ich sehe das Sein im Moment.
Alles, was da ist, hat sich den Umständen angepasst.
Die feinen Graupelkörner werden von der Sonne in Bewegung gebracht.
Sie schmelzen unter einem sanften warmen Kuss.
Die roten Blätter schimmern.
Der Boden nimmt das feuchte Nass auf.
Und selbst der aufgebrochene Stamm eines umgeknickten Baumes wirkt auf mich wie ein Kuss.
Was gebrochen ist, muss nicht nur nach Verlust aussehen.
Manchmal zeigt sich genau dort eine neue Form von Nähe.
Manchmal ist der Bruch der Beginn von etwas Neuem, das auch ungeahnte schöne Erfahrungen schenken wird.
Vielleicht gibt es keine Antworten, weil manches nicht zu beantworten ist.
Vielleicht sind wir hier, um zu erfahren, was wir mit unseren Sinnen tragen können.
Vielleicht brauchen wir sogar den Widerstand, um uns selbst zu fühlen.
Vielleicht wird es leichter, wenn wir aufhören, nach Antworten zu rufen, und anfangen zu fühlen, was uns guttut. Und wenn wir aussprechen, was wir nicht mehr erleben wollen.
Vielleicht wird es leichter, wenn wir zurücklassen, was nicht mehr zu uns gehört.
Gerade erinnere ich mich an dieses Lied:
Die Antwort kennt nur der Wind.
© Manuela Engel-Dahan
Waldphilosophin | Krisenwandlerin | Autorin
Impulsgeberin für Mensch & Wirtschaft
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Die Sprache entschleunigt – im langsamen Begreifen gelangen die Dinge zur Klarheit. Manchmal erinnert die Diktion an die oft unterschätzten Gedichte Friedrich Nietzsches bewusstes Staunen statt Hast. Die Texte entschleunigen und führen vom persönlichen Erleben zu allgemein gültigen Einsichten.