05. Februar 2026

Das Eichhörnchen und die Bürde des Geschenks

Ungefragte Unterstützung kann Belastung sein. Manchmal ist sie ein kleiner Diebstahl an der Freude der Bewältigung.

Da stand er, mein riesiger, gut gemeinter Korb voller Walnüsse. „Lass auch welche für die Eichhörnchen“, rief mein Mann, als ich sammelte. Nun gut. Ein großer Korb, 25 kg Walnüsse. Wenn schon, denn schon. Ein Fest für diese flinken Tierchen mit ihrem leuchtenden Pelz, die in unserem Garten herumhuschen und emsig ihre Nüsse und Früchte verstecken, so war meine Intention. Ich wollte ihnen den Winter erleichtern, eine echte Freude machen, ihnen die Suche ersparen.

Doch weit gefehlt. Was ich dann sah, war eine kleine Lektion. Und sie kam vom Eichhörnchen selbst.

Das flinke Hörnchen hatte den Korb vor der Gartenhütte entdeckt. Und es raste. In wilder Aufruhr nahm es eine Nuss nach der anderen und rannte, als ginge es um sein Leben. Ich stand da und sah dieses kleine Tier im Stressmodus. Fast hatte ich das Gefühl, ich könnte es hören, als es rief: „Hilfe! Wer war so leichtsinnig und hat alles an einem Ort versteckt? Und sooo viele!“

Oben in der Fichte beobachteten Krähen das Ereignis. Sie sahen zu, wie dieses kleine Wollknäuel kreuz und quer durch den Garten rannte. Und der Korb wurde nicht leerer.

„Du denkst, du tust ihm gut. Du wolltest ihn unterstützen. Doch hast du ihn zuvor gefragt, ob er deine Hilfe braucht?“ Ich bin sicher, es ist der Eichelhäher am Vogelhäuschen, der mir diese Ermahnung zuruft.

Die Natur bringt ihre Botschaften auf ungewöhnlichen Wegen immer wieder dorthin, wo sie gebraucht werden.

Und ich bin auch ein wenig verschämt, als dieser kleine Kerl plötzlich mit einer Nuss im Maul direkt vor mir steht. So nah, dass ich vergesse zu atmen. Ist das ein wütender Blick, mit dem er die Nüsse mustert? Ich hätte erwartet, dass er sich freut. Und jetzt schaut er zu mir, als würde er sagen: „Bitte kümmere dich um deine eigenen Nüsse.“ Oh ja. Danke. Das habe ich verstanden.

So ist das im Leben. Was wir denken, was gut für den Nächsten ist, lässt diesen manchmal erschauern.

Eichhörnchen verstecken bis zu 10.000 Vorräte. Sie müssen gar nicht alle wiederfinden, denn sie sind auch Garten- und Waldmeister, die dafür sorgen, dass Früchte verteilt werden und neue Pflanzen dort wachsen, wo man sie gar nicht erwartet. Oder vielleicht dort, wo es etwas Abwechslung braucht. Wer weiß das schon.

Im nächsten Jahr sammle ich wie gewohnt für mich. Und ich lasse dem Eichhörnchen sein Handwerk, damit es selbst entscheidet, wie und wo es tätig wird. Damit es stolz sein kann auf die eigenen Taten. 

Und ich kümmere mich besser um mich.


© Manuela Engel-Dahan
Waldphilosophin und Krisenwandlerin


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Buchbesprechung von Gerhard Charles Rump (postume Veröffentlichung, 08.08.2020) zu Freigeistige Waldgedanken – Band 1.
Die Sprache entschleunigt – im langsamen Begreifen gelangen die Dinge zur Klarheit. Manchmal erinnert die Diktion an die oft unterschätzten Gedichte Friedrich Nietzsches bewusstes Staunen statt Hast. Die Texte entschleunigen und führen vom persönlichen Erleben zu allgemein gültigen Einsichten.
— Gerhard Charles Rump (1947–2020), Kunsthistoriker und -theoretiker mit Schwerpunkt zeitgenössische Kunst; Privatdozent an der TU Berlin, Kurator, Galerist und Fotokünstler.
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